Handwerk

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Sansovino-Rahmen

Giebel, Putten und Girlanden

Der Bilderrahmen war ursprünglich architektonischer Natur. Im 16. Jahrhundert verselbstständigte er sich zunehmend und erfuhr eine hohe künstlerische Ausbildung. Die National Gallery in London widmet erstmals überhaupt dem sogenannten Sansovino-Rahmen eine kleine, feine Ausstellung und zeigt den besonderen Reiz dieser speziell venezianischen Gattung, die durch ausdrucksstarke Rocaillen, Blüten und Girlanden besticht. Darüber hinaus erfährt man viel über die Geschichte der italienischen Kunstprovinz – und darüber, wie der Sansovino-Rahmen zu seinem Namen kam. Von Ute Strimmer

Aufgerollte Voluten, ineinander verschlungene Bänder mit Schuppen und Blattornamenten, dazwischen Engelsköpfe, Fruchtgehänge und Architekturteile – viel ist auf den prachtvollen, venezianischen „Sansovino-Rahmen“ zu entdecken, die derzeit erstmals überhaupt Thema einer kleinen und feinen Sonderausstellung sind. Insgesamt dreißig davon können die Besucher in der Londoner National Gallery bewundern. So viele Exemplare dieses Typs waren noch nie versammelt. Ein wunderschöner Rahmen mit üppigen Schnitzereien ziert das Tizian-Porträt des italienischen Arztes und Philosophen Girolamo Fracastoro. „Als wir vor fünf Jahren das Bild mit dem Rahmen zusammenbrachten, entstand die Idee zur Ausstellung, die nun rund 40 Jahre dieser speziellen Gattung zwischen 1560 und 1600 beleuchtet. Vielleicht wird daraus sogar eine Serie, in der wir uns weiteren Rahmen-Typen widmen“, sagt der zuständige Kurator Peter Schade. Der Rahmenexperte ist gebürtiger Deutscher, sein britischer Akzent lässt jedoch erahnen, wie lange er schon an dieser Institution des Königreichs tätig ist. Er erklärt, wie die „Sansovino-Rahmen“ zu ihrem Namen kamen. „Sie sind zwar nach Jacopo de Sansovino (1486–1570) benannt, aber sie haben im Grunde nichts mit dem berühmten Architekten zu tun. Die Bezeichnung stammt aus dem 19. Jahrhundert, als sich die Kunstgeschichte etablierte. Weil Rahmen einen Bezug zur Architektur haben und Sansovino als wichtigster Architekt Venedigs im 16. Jahrhundert gilt, entschied man sich damals für diesen Terminus. Der Künstler selbst war zur Zeit der Entstehung des Rahmens schon ein alter Mann, der wahrscheinlich den Sprung zu den barocken Formen nicht mehr mitgemacht hat. Darüber hinaus steht Sansovino für die klassische Frührenaissance in Venedig, und auch die Rahmen, die wir von ihm kennen, sind vom Stil her alle um 1520 zu datieren.“
Bis an die Schwelle des 16. Jahrhunderts herrschte in Venedig die Tradition der spätgotischen Ädikula- und Tabernakelrahmen, also Nachbauten von Architektur mit Säulen und Gesims oben und einer Predella unten. Als sich die Form dann im 16. Jahrhundert ändert, bleiben Gold- und Erdtöne die charakteristischen Konstanten des venezianischen Geschmacksempfindens quer durch die Epochen. So sind auch die „Sansovino-Rahmen“ von diesem Kontrast geprägt. „Als besondere Merkmale dieses Typs gelten bewegte Formen, und es sind Rahmen, bei denen die Mitten, die Ecken und vor allem die Voluten besonders betont werden“, erläutert Experte Peter Schade. „Kreise und Rundungen spielen eine wichtige Rolle. Diese Schmuckform entstand wahrscheinlich durch die Beobachtung von gerolltem Papier“, führt der Kurator weiter aus. „Die Leisten sind reich mit geflügelten Engelsköpfen oder weiblichen Figuren bestückt. Einige lehnen sich sogar schon fast aus dem Rahmen heraus. Sie sind keine tragenden Elemente mehr, sondern reines Ornament.“
Ein durch künstlerische und handwerkliche Vollkommenheit besonders herausragendes Exemplar stammt aus der Zeit von 1560/80. Hier sitzen oben Putten auf den Voluten und bei genauem Hinsehen schmiegen sich Frauenoberkörper rechts und links an die Leisten. Bemerkenswert ist, dass der Rahmen trotz aller Bewegtheit den Eindruck der Ruhe vermittelt. Statischer dagegen wirkt das imposante, hochformatige Stück, das in die 1550er-Jahre datiert ist. Es ist mit einem Giebel bekrönt und an beiden Seiten reich mit Karyatide, Fruchtgehängen und Widderköpfen geschmückt. Möglicherweise könnte er einem Dogenporträt als adäquate Fassung gedient haben.
Die Sansovino-Rahmen gab es in Venedig bis ins 17. Jahrhundert. Der Späteste wurde nachweislich für ein Bild in den 1630er- Jahren gefertigt.
Verrückt ist nur: Über die Hersteller dieser skulpturalen Meisterwerke ist fast nichts bekannt. „Über die Arbeit in den Werkstätten weiß man wenig“, sagt Schade. „Die Überlieferung ist sehr fragmentiert. Es gibt keine Berichte über Rahmenmacher in Venedig, und auch über die Auftraggeber ist kaum etwas bekannt. Wahrscheinlich wurden die Aufträge an kleine Betriebe mit fünf, sechs Mitarbeitern vergeben. Einige Arbeiten bestechen durch ihre hohe Qualität. Man könnte daher fast glauben, dass sie ein berühmter Handwerker oder Bildhauer geschaffen hat. Doch alles deutet darauf hin, dass es viele Produzenten gab. Auch die verschiedenen Holzsorten – Nussbaum, Nadel- und Pappelholz – sprechen dafür.“ Heute werden die „Sansovino“-Rahmen nicht mehr nachgebaut, doch bis zum Historismus erfreuten sie sich großer Beliebtheit. Von den originalen Exemplaren existieren weltweit noch bis zu zweihundert Stück. Viele davon kursieren im Kunsthandel – zu den Leihgebern der Ausstellung zählt etwa der Basler Händler Thomas Knoell – oder sie sind in Museen an Bildern zu bewundern. Als der Blütezeit venezianischer Malerei im Cinquecento im 17. Jahrhundert eine Ruhepause folgte, übertrug sich dies auf die Bilderrahmen. Erst das 18. Jahrhundert trat wieder mit eigenen Schöpfungen hervor, vergleichsweise einfachen Leistenrahmen mit kartuschenartigem Aufsatz oder pflanzlicher Bekrönung. Doch das ist eine andere Geschichte, die uns die famose National Gallery vielleicht in einer nächsten Ausstellung erzählen wird.

Die Ausstellung:
Frames in Focus: Sansovino Frames
1.4. bis 13.9.15
National Gallery London
www.nationalgallery.org.uk


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