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Restaurierung
Idealer Rückseitenschutz für Ihre Gemälde

Eine frei zugängliche Rückseite eines Gemäldes ermöglicht zwar einen schnellen Zugang zu möglicherweise vorhandenen Hinweisen auf der Rückseite und ist deshalb bei Kunsthistorikern und rovenienzforschern sehr beliebt, jedoch aus konservatorischen Gründen untragbar. Seit Jahrhunderten ist es daher gängige Praxis, die Rückseiten von Gemälden unter anderem gegen Klimaschwankungen zu schützen. Dabei soll der bisweilen beträchtliche Unterschied zwischen dem Klima hinter dem an der Wand hängenden Gemälde und dem Raumklima gepuffert und so das Gemälde vor Klimaschwankungen geschützt werden. Paul-Bernhard Eipper, Leiter des Referats Restaurierung am Universalmuseum Joanneum Graz, stellt Methoden und Materialien für einen geeigneten Rückseitenschutz vor.

Bereits früh hat man die Rückseiten von Gemälden geschützt. Die einfachste und archaischste Art, eine Rückseite zu schützen, stellt ein Rückseitenanstrich dar, welcher früher regelmäßig ausgeführt wurde und zum Teil auch heute noch praktiziert wird. Dabei war vorrangig die Absicht, das Verwölben von Holztafeln zu verhindern. Doch nur selten hatte man Erfolg mit diesem Verfahren, denn die Kräfte einer Tafel waren stärker als diejenigen der Beschichtung.

Historische Entwicklung der Rückseitenschutzanstriche

Die Praxis des Rückseitenschutzanstriches sollte heute nicht mehr angewendet werden, vor allem nicht bei textilen Bildträgern. Seit dem Mittelalter werden Rückseitenanstriche wie vorderseitige Grundierungen schon vor dem eigentlichen Malprozess aufgebracht, um Tafeln gegen das Verwerfen zu schützen. Oftmals sind bestimmte Kunstwerke ohnehin beidseitig gestaltet, weshalb sich bei ihnen die Frage nach einem spezifischen Rückseitenanstrich nicht stellt. Hier sind zum Beispiel Wandelaltäre zu nennen und die meisten Altarflügel. Bei den Altären, bei denen sich die künstlerische Gestaltung nur auf die Vorderseite beschränkt, sind Rückseitenanstriche nicht zwingend vorhanden, wurden aber häufig aus ästhetischen Gründen angebracht, etwa in schwarz-marmorierter Form bei Lukas Cranach oder einem Werk aus dem Umkreis von Friedrich Pacher.
Konservatorische Beweggründe lassen sich vor allem dann mit Sicherheit feststellen, wenn die Rückseite ursprünglich nicht einsehbar konzipiert war. In solchen Fällen zeigen vorhandene Rückseitenanstriche, dass es damals bereits ein Bewusstsein über die Notwendigkeit einer solchen Behandlung aus Gründen der Haltbarkeit und der Erhaltung gab. Heute lassen sich noch eine Vielzahl von Rückseitenanstrichen im Laufe der Geschichte feststellen, wie Leimfarben, Gipsgrund, Gipsgrund mit Mennige-Tempera-Anstrich, Gipsgrund mit öl- oder leimgebundenen Erdpigmenten, Gipsgrund mit öl- oder leimgebundenen Bleiweiß, ölgebundenes Bleiweiß, ölgebundene Erdfarben, Bienenwachs, Papier, heiß aufgetragenes Leinöl, Schellack, Zinkweiß und Gips, Kreide, Zinkweiß und Schwerspat und Aluminiumsilikat. Nicht notwendig ist, dass die Rückseitenanstriche identisch mit der jeweils verwendeten Grundierung sind.
Falls kein Rückseitenanstrich aufgebracht wurde, finden sich schon früh, in den Niederlanden etwa bereits im 16. Jahrhundert, rückseitige Abschlüsse aus Holz. Später tauchen dann textile Hinterspannungen auf, sowie Faserplatten, Pappen oder Karton. Diese Beispiele belegen bereits frühe konservatorische Überlegungen.

Schutz vor Licht, Verstaubung und Beschädigungen

Aufgrund der maltechnisch unterschiedlichen Behandlung sowie der im Werkstück selbst unterschiedlichen Beschaffenheit von Vorder- und Rückseiten ist ein Rückseitenschutz immer zu empfehlen. Zudem schützt er das Gemälde vor rückseitigem Lichteinfall, Verstaubung sowie vor mechanischen Beschädigungen und Vibrationen beim Transport. Ein Rückseitenschutz sollte nach Möglichkeit sehr hygroskopisch sein, was bedeutet, dass er kurzfristige Klimaschwankungen auffangen kann.
Wichtig bei der Auswahl des geeigneten Materials ist, dass dieses frei von für das Gemälde gefährlichen chemischen Zusätzen und Leimen ist. Der Schutz sollte die Rückseite des Gemäldes so dicht verschließen, dass eine Stoßsicherheit bei der Manipulation der Leinwand vorhanden ist, die Rückseite aber gleichzeitig nicht vollständig verschlossen wird. Darüber hinaus sollte der Rückseitenschutz den Keilrahmen stabilisieren. Die Herstellung und Montage sollte unkompliziert und zweckmäßig erfolgen.
Folien- und Stoffhinterspannungen sowie Polycarbonat- und Acrylglasplatten gewährleisten einen Blick auf die Gemälderückseite, sind aber aus klimatischen Gründen als Rückseitenschutz nicht geeignet. Sie

können die erforderlichen Anforderungen nicht erfüllen, auch wenn sie immer wieder gerne durchgeführt werden.
Ein klimapuffernder Rückseitenschutz ist für jedes Gemälde empfehlenswert. Er bewahrt Leinwandgemälde unter anderem vor irreversiblen Keil- beziehungsweise Spannrahmensprüngen der Malschicht. Diese Schäden werden durch die fehlende Klimatisierung der Ausstellungsräume und ungeschützte Hängung der Gemälde vor allem an Außenwänden hervorgerufen und sind einer der wichtigsten Gründe, warum der Gemälderückseitenschutz unbedingt zu empfehlen ist.

Museumskarton, Masonite- und Sperrholzplatten

Derzeit finden diverse Materialien für Rückseitenschütze Verwendung, die sich aus verschiedenen Gründen nach dem bereits beschriebenen Anforderungsprofil mehr oder weniger gut eignen. Mehrlagiger säurefreier, alterungsbeständiger Museumskarton neigt dazu, sich zu verwerfen und ist nicht besonders hygroskopisch. Ähnliche Materialien mit gewisser Stärke sind stabiler und isolieren besser, haben jedoch ebenfalls zu wenige klimapuffernde Eigenschaften, etwa mehrlagige Wellpappen in Museumskartonqualität, Karton-Wabenplatten, kartonbeklebte Kunstharzwabenplatten und Hartfaserplatten.
Besonders feuchtigkeitsausgleichend wirken hingegen im Nassverfahren hergestellte, das heißt mit holzeigenen Stoffen und ohne zusätzliche Leime gebundene Weichfaserplatten. Sie neigen jedoch bei Berührung zum Ausfasern und Ausbrechen. Drei- bis fünflagige Masonite-Platten, die ebenfalls mit holzeigenen Stoffen und ohne zusätzliche Leime hergestellt werden, sind durch ihr hohes Eigengewicht sehr dimensionsstabil und können somit verzogene Keil- und Spannrahmen wieder in Form bringen. Sie sind jedoch ebenfalls wenig hygroskopisch und werden im Laufe der Alterung sauer. Zudem sind Masonite-Platten relativ teuer.
Stäbchenholzplatten, auch Tischlerplatten genannt, sind aus verleimten Stäbchen zusammengesetzt und weisen unten und oben eine Furnierdeckschicht auf. Sie sind zwar preisgünstig aber für einen Rückseitenschutz zu dick und zu schwer. Sperrholzplatten bestehen aus drei bis fünf 1,5 Millimeter starken Lagen Birkenholz, die kreuzweise verleimt sind, und zumindest ein halbes Jahr, idealerweise zwei Jahre abgelagert sein sollten. Sie enthalten unterschiedlich hohe Mengen an problematischen, ausdunstenden Klebern, wie Melamin-Harnstoff-Formaldehydharze und Phenolharz-Aminoplastleime. Diese Klebstoffe beinhalten freies Formaldehyd, das zu Ameisensäure oxidieren und so Farbveränderungen, Korrosion und Gerbung von Bindemitteln hervorrufen kann.
Die Verleimung von Sperrholz mit Phenolharzleim kann an der dunklen Klebefuge erkannt werden. Bei Importware muss darauf geachtet werden, dass hier andere Auflagen für die Produktion vorliegen können.

Kapa- und MDF-Platten

Doppellagige Kartons mit Polyurethan-Schaum (PUR)-Zwischenlage, zum Beispiel sogenannte Kapa-Platten, sind an sich nicht stabil. Die Schäume sind gegen thermische und photolytische Reaktionen empfindlich, welche wiederum hydrolytische Spaltungen hervorrufen. Der einzige Vorteil von Kapa-Platten liegt in ihrem geringen Gewicht, weshalb sie für großformatige Gemälde oft eingesetzt werden.
Gipskartonplatten, auch Rigips-Platten genannt, haben sehr gute klimapuffernde Eigenschaften, die besser als diejenigen von Holz sind. Allerdings sollten die Rigips-Platten ab einer relativen Luftfeuchtigkeit von 70 Prozent nicht mehr verwendet werden. An den Kanten neigen Gipskartonplatten dazu, zu stauben und auszubrechen und sollten deshalb abgeklebt werden. Ihr hohes Gewicht sowie die schwierige Befestigung der Platten auf dem Keilrahmen schränken ihre Verwendung als Rückseitenschutz zusätzlich ein.
Formaldehydarme MDF-Platten (Mitteldichte Faserplatten) weisen eine sehr geringe Formaldehydemission von 0,1 ppm auf und sind der Emissionsklasse
E 1 zuzuordnen.
Die mitteldichten Faserplatten entsprechen in ihrer Ausgleichsfeuchte in etwa dem Vollholz. Die glatten oder strukturierten Platten werden im Gegensatz zu den Holzspanplatten in der Regel aus entrindetem Kiefern- und Fichtenholz sowie einem minimalen Tannenholzanteil mit gleichmäßigen Fasern, welche mit Bindemitteln (Harnstoff-Formaldehydharz) gemischt und im Trockenverfahren unter Druck bei 230 Grad Celsius verpresst werden. Die Platten sind in allen Stärken von 6 bis 38 Millimeter verfügbar, können aber auch in jeder Schreinerei problemlos dünner geschliffen werden. MDF-Platten sind zwar nicht ideal, können aber für einen Gemälderückseitenschutz in Frage kommen.

Über Säuren im Holz informieren

Vor dem Erwerb von Platten auf Holzbasis ist es sehr wichtig, sich über die Menge der vom Material emittierten Essig- und Ameisensäure zu informieren, die von der Art des verwendeten Holzes abhängt. Gerade wegen der Konzentration und Sorge auf den Formaldehydgehalt wurden die ebenfalls für Kunst- und Kulturgut gefährlichen organischen Carbonsäuren, welche sich nicht nur in natürlichen Holzarten wie Eiche, Pinie und Fichte finden, sondern auch in vielen Sperrholz- und Tischlerplatten sowie MDF- und HDF-Platten vorhanden sind, oftmals vergessen.
Jeder Rückseitenschutz sollte nicht mit den Rückseiten der Objekte in Berührung kommen. Demnach sollten Trennschichten wie Woll-, beziehungsweise Polyesterfilz und säurefreie Wellpappe zur Rückseite des Objektes verwendet werden.
Die Platten können auf eine ein Zentimeter dicke und 1,5 Zentimeter breite Leiste aus demselben Material (MDF-Formplatte), mit einer selbst hergestellten Mischung aus homopolymeren und copolymeren Polyvinylacetaten (PVAc) am Rand der Unterseite der MDF-Platte fixiert werden. Der gesamte Rückseitenschutz wird dann auf den Keilrahmen des Gemäldes aufgeschraubt.

Gläser mit klimapuffernder Schicht

Auch für Gemälde, welche sich nicht unter Glas befinden, stellt dieser beschriebene Rückseitenschutz eine nahezu ideale Prophylaxe dar. Die Voraussetzung für die Montage eines Rückseitenschutzes stellt immer die vorherige Reinigung der Rückseite und die Sicherung der Keile des Keilrahmens dar.
Eine weitere Möglichkeit stellt die Einglasung des Gemäldes mit UV-Schutzgläsern, mit oder ohne klimapuffernder Schicht Art Sorb dar. Das Gemälde befindet sich nach dieser Maßnahme in einer eigenen, quasi wartungsfreien Vitrine im Zierrahmen. Diese um ein Vielfaches kostspieligere Maßnahme ist jedoch nur bis zu einer bestimmten Gemäldegröße durchführbar und bleibt derzeit den hochrangigsten Objekten vorbehalten.
Einige Restauratoren haben deshalb mittlerweile eigene, ebenso intelligente Lösungen hierfür gefunden und Systeme entwickelt, die beeindruckende Resultate liefern.

pbe



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