Handwerk

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Einzigartiges Projekt in Wien
Den Restauratoren über die Schulter blicken

Die meisten Restaurierungs- und Konservierungswerkstätten in Museen sind für die Öffentlichkeit tabu. Dorthin, wo auf höchstem wissenschaftlichem Niveau Kunstwerke und Rahmen für die Nachwelt erforscht, wiederhergestellt und erhalten werden, gelangt nur selten ein Besucher. Dabei ist gerade dieser Bereich für die meisten Kunsthändler und Einrahmer enorm spannend und informativ. Sie haben noch bis Herbst nächsten Jahres die Möglichkeit, am Wiener Belvedere die größte Schaurestaurierung in der Geschichte des Museums zu verfolgen.

Rueland Frueauf der Ältere (1440/1445-1507) schuf um 1490 ein Altarensemble, von dem sich heute acht Flügelbilder in der Sammlung Mittelalter des Belvedere befinden. Sie zählen zu den bemerkenswerten malerischen Werken der Spätgotik im mitteleuropäischen Raum und werden nach Abschluss der Restaurierungsarbeiten in der ersten umfangreichen Rueland-Frueauf-Ausstellung im Herbst 2015 im Unteren Belvedere gezeigt.
Agnes Husslein-Arco, die Direktorin des Belvedere: „Das Belvedere besitzt eine der bedeutendsten Mittelaltersammlungen des zentraleuropäischen Raums, darunter das künstlerisch herausragende Ensemble von Rueland Frueauf, der zu den einflussreichsten Künstlern an der Wende vom Mittelalter zur frühen Neuzeit im österreichisch-bayerischen Raum zählt. Um die Fachwelt und die breite Öffentlichkeit im Sinne unserer zentralen musealen Aufgabe der Vermittlung über den Fortlauf dieses außergewöhnlichen Restaurierungsprojekts zu informieren, haben wir den Weg der Schaurestaurierung gewählt und damit ein höchst anspruchsvolles und zugleich publikumswirksames Projekt gestartet.“

Live und aus nächster Nähe

Die wissenschaftlichen Untersuchungen und Erkenntnisse im Zuge der Restaurierung werden ebenfalls in diese Ausstellung einfließen, die sich erstmals dem Vater und dem Sohn Frueauf sowie deren Kreis widmet und damit einen wichtigen Zweck der Forschung erfüllt. Neben der Sicherung und der Wiederherstellung der Stabilität der Bilder ist es Aufgabe des Teams, sich durch die umfangreiche Restaurierung respektvoll der ursprünglichen Ästhetik zu nähern.
Mehr als zwei Jahre werden die Experten an den Werken vor Ort im Oberen Belvedere arbeiten. An zwei Tagen in der Woche sind die Türen zur temporären Werkstatt im Oktogon geöffnet. Die Besucher können hier die Arbeit der Restauratoren live und aus nächster Nähe miterleben und jederzeit den aktuellen Fortschritt ablesen. Ein begleitender Blog gibt auf schaurestaurierung.belvedere.at Auskunft über die jüngsten Entwicklungen. Die außergewöhnliche Restaurierung finanziert sich maßgeblich über Spenden. Interessierte können zum Erhalt dieses kulturhistorisch so wichtigen Werkes von Rueland Frueauf dem Älteren beitragen.

Acht erhaltene Tafeln

Rueland Frueauf d. Ä. gilt wie sein gleichnamiger Sohn und Michael Pacher zu den bedeutendsten Künstlern seiner Zeit. Er war zunächst in Salzburg tätig, wo er erstmals 1470 im Rechnungsbuch von St. Peter dokumentiert ist, und verlegte spätestens ab 1484 seine Werkstatt nach Passau. Für Salzburg schuf er in den Jahren 1490/1491 einen monumentalen Flügelaltar, dessen Standort im Hochchor der Stiftskirche St. Peter oder des Doms vermutet wird, und der wahrscheinlich bereits im frühen 17. Jahrhundert abgebaut wurde. Eine Tafel trägt einen Restauriervermerk von 1619.
Erhalten sind alle Gemälde der Schreinflügel, die 1807 aus der erzbischöflichen Gemäldesammlung in Salzburg nach Wien in die kaiserliche Gemäldegalerie des Belvedere gelangten und heute in acht Einzeltafeln zerteilt sind. Das Flügelretabel zeigte im geschlossenen Zustand die Verkündigung an Maria, die Geburt Christi, die Anbetung der Könige und die Himmelfahrt Mariens. Bei geöffneten Flügeln waren die vier mit brokatverziertem Goldgrund ausgestatteten Szenen der Passion Christi zu sehen: das Gebet am Ölberg, die Geißelung, die Kreuztragung und die Kreuzigung. Dieses Bilderensemble, auf dem sich mehrmals das Monogramm „R.F.“ und Datierungen „1490“ beziehungsweise „1491“ finden, nimmt im Œuvre des Malers als gesichertes und künstlerisch höchst anspruchsvolles Werk eine zentrale Stellung ein. Hier zeigt sich Frueaufs Meisterschaft in der Gestaltung großförmiger Kompositionen, die von einer ausgewogenen Linearität und brillanter Farbigkeit geprägt sind. Entsprechend qualitätsvoll sind auch die vorbereitenden Unterzeichnungen, die aktuell im Vorfeld der Restaurierung durch eine komplette Serie von Infrarotreflektografien sichtbar gemacht wurden. Sie lassen einen einheitlichen Duktus erkennen und bieten erstmals eine breite Basis für das Studium der Zeichentechnik des Meisters. Damit werden ältere stilkritische Einschätzungen überflüssig, wonach der Anteil der Werkstatt bei den Marienszenen größer wäre als bei den Passionsszenen.

Massive Eingriffe

Rueland Frueauf d. Ä. hat ein außergewöhnlich hohes Altarwerk mit einer Schreingröße von über 4,5 mal 3 m geschaffen. Auf den zwei beidseitig bemalten Altarflügeln waren je zwei Gemälde übereinander angeordnet. Diese acht Bilder des zerstörten Altarensembles befinden sich heute in der Schausammlung der Kunst des Mittelalters im Belvedere. Jede einzelne Gemäldetafel umfasst cirka 2,09 mal 1,34 m. Sie sind aus acht bis zehn einzelnen Fichtenholzbrettern gefertigt, die vertikal stumpf verleimt, partiell mit Leinwand und Werg beklebt und mit Kreideleim grundiert wurden. Die Bildkomposition wurde mit Pinsel auf die Grundierung gezeichnet. Die vier Bilder zur Innenseite des Schreins wurden im oberen Drittel des Bildfeldes in der Grundierung graviert und anschließend mit Poliment und Blattgold vergoldet. In mehrschichtiger Malerei wurden Pigmente in Bindemittel mit Ölbasis aufgebracht und anschließend gefirnisst.
Die Geschichte der Tafeln ist typisch für die Kunst- und Kulturgeschichte der letzten Jahrhunderte. Der Zeitpunkt der Demontage aus dem Altargefüge ist bislang nicht bekannt. 444 Jahre nach ihrer Entstehung wurden die vier beidseitig bemalten Tafelbilder in den Jahren 1930 bis 1934 im Kunsthistorischen Museum in Wien in acht Bildtafeln aufgespalten. Dieser massive Eingriff hat die Tafeln stark geschwächt. Bewegungen und Verformungen infolge von wechselnder Holzfeuchtigkeit führten vereinzelt zu Rissbildungen in den Malschichten. Ausfluglöcher in Rand- und Fugenbereichen weisen Spuren eines früheren Wurmbefalls auf. Haftungsverluste und Blasenbildung von Malschichten entstanden. Es kam zu Farb- und Grundierungsverlusten bis zum Holzbildträger. Montagelöcher, die noch vor der Spaltung durch die beidseitig bemalten Tafeln gebohrt worden waren, lassen auf eine Fremdverwendung schließen. Der Zustand der acht Tafeln ist heute weitgehend stabil, dennoch zeigen sich vielfältige Schadensbilder, wie Rissbildungen, Oberflächenverschmutzungen, Malschichtblasen und Aufstellungen, zu stark gereinigte und damit reduzierte, wie auch verätzte Malschichten, gealterte, spröde Kittungen, nachgedunkelte Farbergänzungen sowie gegilbte, inhomogen aufgetragene Firnisse, die die Malerei fleckig erscheinen lassen.

Annäherung an den Originalzustand

Die acht Tafelgemälde von Rueland Frueauf d. Ä. haben als Flügel des Schreins eine gemeinsame Funktion erfüllt. Die Konservierung und Restaurierung der im Belvedere bewahrten acht Tafeln soll den massiven Eingriffen nach Auflösung ihrer originalen Funktion im ehemaligen Altargefüge sowie den vergangenen Überarbeitungen und Restaurierungen gerecht werden. Ziele sind die Sicherung der originalen Bildträger und Malschichten sowie die ästhetische Annäherung an das Erscheinungsbild der Gemälde als Ensemble.
Der Befund und der Zustand der Tafeln orientieren sich an den visuellen und mikroskopischen Untersuchungen, Betrachtungen im ultravioletten Licht, Röntgenaufnahmen, Infrarotreflektografie, dendrochronologischen Untersuchungen, Querschliffproben von Malschichten und naturwissenschaftlichen Analysen. Die Forschungsergebnisse und -erkenntnisse durch die maltechnischen Untersuchungen und während der Restaurierung werden in einen Ausstellungskatalog einfließen, die restaurierten Tafeln werden in einer Sonderausstellung präsentiert und anschließend in die Dauerausstellung der Sammlung Mittelalterlicher Kunst des Belvedere integriert.
Die Schaurestaurierung kann jeden Dienstag und Donnerstag von 10 bis 18 Uhr verfolgt werden. Weitere Informationen für Interessenten unter www.belvedere.at



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© Der Kunsthandel 2010