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Tipps vom Restaurator
Wollfilz schützt den Gemälderand

Die Randbereiche oder Kanten von alten Gemälden bergen oft Informationen von unschätzbarem Wert über den Urzustand des Bildes. Die Falze der Zierrahmen haben diese abgedeckt und so vor Zerstörung, beispielsweise durch Licht, geschützt. Da die meisten Zierrahmen aus Holz bestehen, mildern sie zusätzlich im Falzbereich klimatische Schwankungen ab. Zudem halten sie Schmutz und Staub fern. Randbereiche können auch Aufschluss über Übermalungen, Doublierungen, Ausbleichungen, Farbveränderungen, Verfärbungen und Verschmutzungsgrad geben. Auch finden sich im Randbereich von Gemälden oft Spuren vorangegangener Restaurierungen. Diplom-Restaurator Dr. Paul-Bernhard Eipper, Leiter des Referats Restaurierung am Universalmuseum Joanneum in Graz erklärt, wie der Bildrand durch den Einsatz von Wollfilz geschont wird und was man über das Material wissen muss.

Gerade der Randbereich von Bildern ist durch Scheuern des Zierrahmens von Zerstörungen betroffen. Das durch Klimaschwankungen bedingte Arbeiten der Gemälde auf Leinwand und Holz sowie der Transport der Gemälde reichen aus, um die Randbereiche zu verletzen. Oft sind auch die Falze von Zierrahmen nicht versäubert, das heißt Grundierungsüberstände oder raues Holz können hier wie Schleifpapier auf die Gemäldeoberfläche einwirken und so die Oberflächen verletzen.

Richtige Materialwahl

Aus all diesen Gründen resultiert die Notwendigkeit, den Randbereich besonders zu schützen. Unter Berufung auf die Authentizität des Gemäldezierrahmeninnenfalzes wird diese Maßnahme zwar bisweilen von Restauratoren abgelehnt. Dennoch sollte man sich dessen bewusst sein, dass das Gemälde im Rahmen zu schützen ist und nicht der Zierrahmen vor dem Gemälde. Das Beschichten der Rahmenfalze nach dem Verschleifen mit weicheren Materialien hat sich mittlerweile etabliert. Es finden sich noch heute relativ unterschiedliche Materialien wie Wollfilz, synthetischer Filz, Kork, Balsaholz, Papier, Wellpappe, Löschkarton, Textilbänder, Tyvek, Neopolen, Ethafoam, Moosgummi, Schaumfolie. Da die glatten, nicht puffernden Materialien wie Papier und Pappe keinen Kantenschutz bieten, Schaumstoffe und vor allem Moosgummi - wie in den letzten Jahren erwiesen - verheerende Schäden der Randbereiche durch Verkleben verursachen, haben sich Falzbeschichtungen mit Stückfilzen aus reinem Wollfilz als Maßnahme durchgesetzt. Die Eigenschaft der Wolle, Schwankungen der relativen Luftfeuchtigkeit auszugleichen, ist hier neben ihrer hohen Elastizität zusätzlich von Vorteil.
In der Regel wird Filz in Deutschland heute nach den DIN-Normen 61200 und DIN 61206 produziert. Dabei werden verschiedene rohe Wollsorten in einem bestimmten Gewichtsverhältnis gemischt, wobei die einzelnen Sorten übereinander schichtweise ausgebreitet und geschmälzt, das heißt durch Fettzusatz geschmeidiger gemacht werden. Bei neueren Verfahren wird pneumatisch, durch Einblasen in eine Mischkammer, gemischt. Anschließend erfolgt das so genannte „Wolfen“. So nennt man den Vorgang, bei dem die Fasermasse auf dem Krempelwolf zwischen der mit Stählzähnen besetzten, rotierenden Haupttrommel und den darüber angeordneten Walzenpaaren weitgehend aufgelöst und vermischt wird. Auf der Reißkrempel wird dann ein feiner Flor erzeugt. Bei diesem als Vorkrempeln bezeichneten Vorgang bewirken die mit feinen Stahlhäkchen versehenen Trommeln und Walzenpaare ein intensives Auflösen und Parallelisieren des Fasermaterials.

Die Herstellung von Filz

Zwischen der Haupttrommel und dem Abnehmer tritt, bedingt durch die geringere Umlaufgeschwindigkeit des Abnehmers und die Häkchenstellung der Kratzenbeschläge, eine Verdichtung des Fasermaterials ein. Der so entstandene Flor wird durch den Hacker abgenommen und meist über ein Kanalband der nächsten Maschine zugeführt. Die Pelzkrempel arbeitet in der gleichen Weise wie die Reißkrempel, nur hat sie feinere Kratzenbeschläge, sodass die Fasermassen noch besser aufgelöst und parallelisiert werden. Der von der Pelzkrempel kommende Flor wird in mehreren Schichten auf ein endloses Tuch (Wattrahmen) aufgetragen, bis ein Pelz in der gewünschten Stärke entsteht. Schließlich wird der Pelz an einer Stelle aufgerissen und zu einer Pelzrolle aufgerollt. Die Pelzrolle wird in der Filzmaschine abgerollt und unter Druck, Reibung, Wärme und Feuchtigkeit gefilzt, wobei eine schwere mit Dampf beheizte Oberplatte, oder bei Rollenfilzmaschinen eine Anzahl von Rollen, auf dem Pelz hin- und hergerüttelt wird. Die Schuppen-Oberfläche und Kräuselung der Wolle bewirkt eine Verfestigung durch das Verhaken der Fasern. Der so erzeugte Filz wird nun durch Stauchen, Hämmern und Kneten auf Rollen-, Hammer- und Zylinderwalken unter Zusatz von flüssigen, erwärmten Walkmitteln bis zur gewünschten Festigkeit verdichtet.
Das Herauswaschen der im Filz eingelagerten Schmälzen und Walkmittel geschieht mit warmem Wasser unter Zusatz von Waschmitteln. Hierzu finden besondere Waschmaschinen Verwendung, in denen der Filz zwischen Walzen ständig in Bewegung gehalten wird. Bei einer etwaigen Färbung wird dann der Stückfilz in Edelstahlbottichen mit zwei bis drei Stunden Kochzeit gefärbt. Das Entwässern erfolgt anschließend zumeist in Zentrifugen, bei dicken Sorten aber auch durch Abquetschen oder Absaugen der Feuchtigkeit. Um dem jetzt durch Walken, Waschen und Färben teilweise verzogenen Filz eine gleichmäßige Breite zu geben, wird er auf endlose Ketten aufgenadelt und in einem Trockenrahmen unter Spannung und Warmluftzufuhr getrocknet. Danach läuft die Ware auf der Schermaschine an der rotierenden Scherwalze vorbei, deren scharfe, spiralförmige Messer die feinen hervorstehenden Haare abschneiden und somit eine glatte Warenoberfläche erzeugen. Wo es auf gute Krumpfwerte ankommt, wird der Filz durch Einblasen von Dampf veredelt, worauf sich das Pressen, ein Bügelvorgang, anschließt. Das Aufmachen der Ware (Wickeln, Doublieren) geschieht auf der Wickelmaschine.

Lösemittel vermeiden

Zur Beschichtung von Zierrahmenfalzen oder auch zur Ausstattung von Vitrinen sollte nur unbeschichteter, reiner, ungewebter, das heißt im Walkverfahren hergestellter Filz verwendet werden. Dieser Filz muss der Europäischen Norm EN 71 entsprechen, da sonst die Gefahr ausdünstender Farb- und Klebemittel sowie hochsiedender Lösemittel gegeben ist. Bei nach der EN 71 hergestelltem Wollfilz erfolgt die Einfärbung mit Säurefarbstoffen chemisch durch negativ geladene Farbstoffe, die sich an die positiv geladenen Aminogruppen anlagern.
Werden mottenfraß-geschützte Wollfilze verlangt, erfolgte dies bis vor sechs bis acht Jahren durch die Beimischung von beispielsweise Eulan U 33, Eulan BLS oder Eulan WA NEU. Diese sich ebenfalls chemisch an die Wolle bindenden Substanzen wurden dem Färbebad zugegeben. Die Nachfolgeprodukte für Eulan U 33 und Eulan WA NEU waren Eulan SPA, Eulan ETS, Eulan HFL und Eulan HFC.
Dabei enthielt Eulan SPA als Wirksubstanz zehn Prozent nicht flüchtiges, synthetisches Permethrin in Mikroemulsion und Eulan ETS zehn Prozent nicht flüchtiges, synthetisches Permethrin in Makroemulsion, welches während der Anwendung im Färbebad in die Faser diffundiert und dort physikalisch gebunden wird. Eulan SPA und ETS enthielten einen Emulgator, Eulan HFC dagegen nicht. Deshalb empfahl die Bayer AG aus Sicherheitsgründen auf das emulgatorfreie Eulan HFC zurückzugreifen.
Das ab 1994 hergestellte, für restauratorische Belange idealere, pulverförmige, Sulfocoron als Wirksubstanz enthaltende, emulgatorfreie Eulan HFC wird aber seit 2001, ebenso wie Eulan ETS nicht mehr produziert. Somit sind die einzigen verfügbaren Eulanisierungsmittel nun Eulan ETS 01 und Eulan SPA 01, welche ebenfalls rund zehn Prozent nicht flüchtiges, synthetisches Permethrin in Mikro- bzw. Makroemulsion beinhalten.

Falsche Kleber schaden

In den meisten Fällen hat sich brauner bis dunkelbrauner Wollfilz in der Anwendung durchgesetzt. Dieser wirkt, vor allem an vergoldeten Rahmen, neutral. Für versilberte Rahmen und bei moderner Kunst wird auch weißer oder grauer Filz eingesetzt. Wollfilz wird von den Herstellern in vielen verschiedenen Farbtönen und in verschiedenen Stärken angeboten. Gerade bei stark pastosen Malereien reicht eine Stärke des Wollfilzes von einem Millimeter nicht aus. Hier wird der Einsatz von zwei bis drei Millimeter starken Wollfilzstreifen angeraten.
Auf selbstklebend ausgerüstete Filztücher sollte verzichtet werden. Der Wollfilz sollte nur durch Celluloseether oder weichmacherfreie Klebedispersionen auf der Innenseite des Rahmenfalzes, auf der das Gemälde aufliegen soll, angeklebt werden. Fertigprodukte wie Holzleime, Alleskleber, Zwei-Komponenten-Kleber, Sekundenkleber oder Kontaktkleber sind hierbei unbedingt zu vermeiden, da diese nicht unerhebliche Weichmacheranteile, Lösemittel und saure oder alkalische Bestandteile beinhalten und dadurch auf Dauer gesehen chemisch nicht stabil sind, also zum Teil für das Objekt gefährliche Abbau- und Zersetzungsprodukte freisetzen.
Auf eine gewisse Abbinde- und Trocknungszeit vor der Einrahmung der Gemälde ist zu achten. Das Beschweren der Filzstreifen beim Einsatz wenig klebestarker Dispersionen oder Kleister bis zum Abbinden des Klebemittels wird angeraten. Zusätzlich kann Wollfilz beim Neuaufspannen von Gemälden als Zwischenlage, also zwischen der Gemäldeleinwand und dem Nagel oder der Tackerklammer, verwendet werden. Eine Zerstörung der ohnehin im Rand- bzw. Spannbereich stark belasteten originalen Gemäldeleinwand durch rostende Klemmzwecken oder Tackerklammern kann dadurch verhindert werden.

Weitere Einsatzmöglichkeiten

Wollfilze lassen sie auch als Bespannungen in musealen Bereichen einsetzen. Sollen Versandkisten, Vitrinen, Schubladen, Archivschränke oder andere geschlossene oder fast geschlossene Behältnisse in Wollfilz belegt oder ausgeschlagen werden, ist zu beachten, dass Wolle bei thermischer und fotochemischer Zersetzung schwefelhaltige Gase abgibt. Bei dem Abbau cystinhaltiger Proteine unter Einwirkung von UV-Strahlung, bei Sonnenbestrahlung und erhöhten Temperaturen über 50 Grad können freigesetztes Carbonylsulfid, Kohlenstoffdisulfid und Schwefelwasserstoff nachgewiesen werden. Die Feuchtigkeitsanteile der Wolle erhöhen die Abgabe von COS und CS2 zudem. Dies führt beispielsweise an nur lose gebundenen, bleihaltigen Pigmenten zur Bildung von schwarzem Bleisulfid und an Metallen wie beispielsweise Silber, zur Bildung von Silbersulfid (Ag2S) beziehungsweise zu Veränderungen der Oberfläche. Vor dem etwaigen Auftrag von lackartigen Schutzüberzügen auf silbernen Metalloberflächen wird in der jüngeren Fachliteratur explizit gewarnt. Es ist daher immer zu prüfen, inwieweit Wollfilz für welchen Zweck geeignet ist.

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© Der Kunsthandel 2011