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Klassizistische Rahmen
Bloß nicht verspielt

Die Epoche, die im deutschen Sprachraum als Klassizismus bezeichnet wird, liegt in den Jahrzehnten zwischen 1770 und 1840. Mit dem Klassizismus gehen große gesellschaftliche Umwälzungen einher, die das Gesicht Europas grundlegend veränderten. Zwei Stichworte seien an dieser Stelle genannt, die die Dimension dieses Wandels verdeutlichen: die Französische Revolution und die Industrialisierung.

Die Bezeichnung „Klassizismus“ wird als Hinwendung zu den ästhetischen Idealen der griechischen und römischen Antike verstanden. Perioden, die sich eine solche Rückbesinnung zum Programm gemacht haben, gab es in der europäischen Geschichte häufiger. Die Renaissance, die im 14. Jahrhundert von Italien ausgehend ganz Europa erfasste, ist mit ihrem sprechenden Titel (Renaissance = Wiedergeburt) das prominenteste Beispiel. Der Stilwandel, den wir als klassizistisch bezeichnen, ging von Frankreich aus. Historisch gesehen beginnt diese Epoche mit Louis XVI. Der französische Klassizismus löste mehr und mehr die ästhetischen Paradigmen ab, die mit Barock und Rokoko verbunden waren.

Winckelmanns Einfluss
In Deutschland war der kunsttheoretische Wegbereiter des Klassizismus Johann Joachim Winckelmann (1717-1768). Seine 1755 erschienene Schrift „Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst“ bildet die Grundlage eines neuen Verständnisses der griechischen und römischen Antike, die auf die kulturelle Entwicklung in ganz Europa großen Einfluss hatte. Der deutsche Klassizismus brach sich am frühesten auf dem Gebiet der Baukunst Bahn. Hier gilt das von Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff zwischen 1769 und 1773 errichtete Schloss im Wörlitzer Park bei Dessau als der Prototyp der neuen monumental ausgelegten klassizistischen Architektur. Von der Baukunst ausgehend breitet sich der klassizistische Stil auf das Kunsthandwerk, das Möbeldesign und die Bildende Kunst aus. Der klassizistische Stil ist an seiner strengen, aus der Funktion der einzelnen Bauelemente abgeleiteten Formgebung zu erkennen. Galten im Barock und im Rokoko vegetative Pflanzenformen und asymmetrische Elemente – beispielsweise die unregelmäßigen Muscheln – als stilprägend, so kehrt die Architektur mit dem Klassizismus wieder zu festen Regeln zurück.




Hohlkehlen-Rahmung
Bei der Rahmung des Gemäldes von Jacob Gerritsz Cuyp (1594-1652) handelt es sich um einen Hohlkehlen-Rahmen, wie er auch in Deutschland nach 1800 vermehrt Verwendung fand. Dieser Rahmen, der matt vergoldet wurde, stellt einen Übergang von der frühklassizistischen Periode in der Zeit Louis XVI. zum Hochklassizismus dar, der nach dem Wiener Kongress von 1815 einsetzt. Die breite Hohlkehlenleiste dominiert eindeutig. Das Besondere an der Architektur dieses Rahmens ist, dass anstelle der Platte, die zwischen der Hohlkehle und dem Bildrand zu erwarten wäre, ein Rundstab eingesetzt wurde. Dieses Schmuckelement ist durch zwei schmale Stäbe noch zusätzlich hervorgehoben. Einer befindet sich zwischen der Hohlkehlenleiste und der Außenkante des Gemäldes; er ist mit Pflanzenmotiven dekoriert. Der zweite, ein schmuckloser Rundstab, ist an der Innenkante der Hohlkehlenleiste angebracht. Auffällig ist außerdem der schnurartig gespannte Abschlussstab, der die Hohlkehlenleiste zur schmalen äußeren Platte hin abgrenzt. Die Struktur des Rahmens ist dabei so angelegt, dass sie den Blick in die Tiefe führt und die dargestellte Person – es handelt sich um einen anmutig gekleideten Herrn – in die Ferne rückt. Der dezente, matte Goldton der Oberfläche verrät eine zurückhaltende Eleganz, die der Vornehmheit der dargestellten Person entspricht.

Zierleisten und Eierbänder
Im Spätklassizismus, der in den Jahren um 1810 einsetzt, treten wieder vermehrt Schmuckelemente auf. Diese Schmuckelemente sind jedoch nicht wie im Rokoko als reine Dekorationselemente in Pastigliatechnik aufgesetzt, sondern werden durch die besondere Betonung der einzelnen Bauelemente entwickelt. Dies zeigt ein Rahmen aus dem Museum Heyl, Worms: Bei dem dargestellten Gemälde handelt es sich um das Werk „Kanallandschaft im Mondschein“ von Aert van der Neer“ (1603/4 -1677). Der Amsterdamer Maler hat hier eine der seltenen Nachtlandschaften geschaffen, die später die Maler der Romantik inspirierten sollten. Der Rahmen, der für diese Landschaft gewählt wurde, entspricht den Stilformen, die im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts in Mode waren. Charakteristisches Dekor, das für die Hochphase des Klassizismus kennzeichnend ist, ist die geriffelte Hohlkehle, die auch im späteren Neoklassizismus häufig als Zierelement auftaucht. Im Rahmen ist diese Hohlkehlenleiste durch ein Eierband von einer schmalen Platte abgegrenzt, die ihrerseits einen vertieften Zwischenraum zur Außenkante des Rahmens bildet. Zum Innenmaß des Rahmens hin ist ebenfalls eine dezente Zierleiste angebracht, die als eine Art erhabene Passepartoutleiste das gefasste Kunstwerk in seiner Wertigkeit noch zusätzlich betont. Auch dieses Element ist mit einem Eierbandmuster versehen, das seinen Ursprung in der dorischen Tempelarchitektur hat.

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