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Rückseitenschutz für Gemälde
Keine Chance für Klimaschwankungen

Seit Jahrhunderten ist es Praxis, die Rückseiten von Gemälden gegen Klimaschwankungen zu schützen. Hängt ein Gemälde an einer Außenwand, so ist es Bestandteil der äußeren Raumschale. Das Gemälde selbst stellt dann die Trennlinie zwischen Innenraumklima und der äußeren Raumschale dar. Der Rückseitenschutzes puffert also das Gefälle zwischen dem Mikroklima hinter dem Gemälde und dem Raumklima. Wie das richtig gemacht wird, erklärt Diplomrestaurator Dr. Paul-Bernhard Eipper, Chef-Restaurator Alte Galerie am Landesmuseum Joanneum in Graz.

Aufgrund der maltechnisch unterschiedlichen Behandlung sowie der im Werkstück unterschiedlichen Beschaffenheit von Vorder- und Rückseiten, zum Beispiel bei Holztafeln, ist ein Rückseitenschutz auf jeden Fall zu empfehlen. Ein Rückseitenschutz sollte:

  • einen möglichst großen Klimapuffer darstellen, das heißt er sollte hygroskopisch (= Feuchtigkeit bindend) sein,
  • kurzfristige Klimaschwankungen auffangen,
  • frei von für das Gemälde gefährlichen chemischen Zusätzen und Leimen sein,
  • die Rückseite nicht hermetisch abschließen,
  • die Rückseite des Gemäldes so dicht verschließen, dass beim Transport die Leinwand einen Schutz vor Vibration erhält,
  • einen Rückseitenlichtschutz darstellen,
  • den Keilrahmen stabilisieren,
  • einen Schutz vor Verstaubung darstellen,
  • einfach und rationell in Herstellung und Montage sein.

Diese Anforderungen kann eine Hinterspannung von Gemälden mit Folie, wie sie bisweilen gerne vorgenommen wird, nicht erfüllen. Glücklicherweise werden auch die historischen Rückseitenanstriche heute nicht mehr gepflegt.
In den meisten großen Kunstsammlungen ist klimapuffernder Rückseitenschutz bereits Standard, jedoch in kleineren Museen und Privatsammlungen fehlt dieser wirksame Schutz oft, der zum Beispiel Leinwandgemälde vor den irreversiblen Keil- Beziehungsweise Spannrahmensprüngen der Malschicht des Gemäldes bewahrt. Diese, durch unterlassene Klimatisierung der Ausstellungsräume und ungeschützte Hängung der Gemälde vor allem an Außenwänden hervorgerufenen Schäden machen es notwendig, den Gemälderückseitenschutz unbedingt zu empfehlen.

Die Materialien

  1. mehrlagiger säurefreier, alterungsbeständiger Museumskarton
    Dieser Karton neigt jedoch dazu, sich unter Umständen zu verwerfen und ist zudem nicht besonders hygroskopisch. In der Literatur findet sich eine kartonbeklebte Kunstharzwabenplatte. Dieses System isoliert zwar besser, ist aber ebenfalls nicht besonders hygroskopisch.
  2. Weichfaserplatten
    Im Nassverfahren hergestellte, mit holzeigenen Stoffen und ohne zusätzliche Leime gebundene Weichfaserplatten. Diese Platten haben den Vorteil, besonders feuchtigkeitsausgleichend zu wirken. Sie neigen aber bei Berührung zum Ausfasern und Ausbrechen.
  3. Hartfaserplatten
    Im Nassverfahren hergestellte Hartfaserplatten haben - wie Pappe auch - den Nachteil, nicht besonders hygroskopisch zu sein.
  4. Drei- bis fünflagige Masonite-Platten
    Diese Platten, die unter starker Hitze-, Dampf- und Druckeinwirkung mit holzeigenen Stoffen und ohne zusätzliche Leime verpresst werden, sind wenig hygroskopisch. Im Laufe ihrer Alterung werden sie sauer, weshalb keine Leinwandgemälde auf sie aufgezogen werden sollten. Durch ihr sehr hohes Eigengewicht sind sie sehr dimensionsstabil, weshalb sie verzogene Keil- und Spannrahmen wieder in Form bringen können. Masonite-Platten sind relativ teuer.
  5. Stäbchenholzplatten („Tischlerplatten“)
    Diese, aus verleimten Stäbchen zusammengesetzten Platten haben zusätzlich unten und oben eine Furnierdeckschicht. Sie sind zwar relativ preisgünstig, aber für einen effektiven Rückseitenschutz viel zu dick und zu schwer.
  6. Drei- bis fünflagige Sperrholzplatten
    Beidseitig geschliffenes Birkensperrholz, welches aus 1,5 Millimeter starken Lagen besteht, die kreuzweise verleimt sind und zumindest ein halbes bis ein Jahr, im Idealfall zwei Jahre, abgelagert sein sollten. Diese Platten können unterschiedlich hohe Mengen an problematischen, weil ausdunstenden, Klebern enthalten. Das sind im Normalfall Melamin-Harnstoff-Formaldehydharze und auch Phenolharz-Aminoplastleime, die freies Formaldehyd enthalten, das zu Ameisensäure oxydieren kann, was Farbveränderungen, Korrosion und Gerbung von Bindemitteln hervorruft. Die Verleimung von Sperrholz mit Phenolharzleim kann an der dunklen Klebefuge abgelesen werden. Bei Importware muss darauf geachtet werden, dass andere Länder andere Auflagen haben.
  7. Doppellagige Kartons mit Polyurethan-Schaum-Zwischenlage, zum Beispiel Kapa-Platten
    Diese Schäume sind nicht stabil. Sie sind gegen thermische und photolytische Reaktionen empfindlich, welche hydrolytische Spaltungen hervorrufen. Das Abbauprodukt ist dunkler als das Ausgangsprodukt, klebrig, krümelig und sauer. Um dieses zu vermeiden, sind ihnen Stabilisatoren und Antioxidantien beigegeben, welche den Abbau aber nur begrenzt aufhalten können. Ihr einziger Vorteil liegt in ihrem geringen Gewicht, weshalb sie für großformatige Gemälde gerne eingesetzt werden.
  8. Gipskartonplatten, auch Rigips-Platten genannt
    Sie haben noch bessere Puffereigenschaften als Holz. Ab einer relativen Luftfeuchtigkeit von 70 Prozent sollten sie jedoch nicht mehr verwendet werden. Da Gipskartonplatten an den Kanten stauben, bröseln und zum Ausbrechen neigen, sollten diese abgeklebt werden. Ihr hohes Gewicht sowie die schwierige Befestigung der Platten auf dem Keilrahmen schränken ihre Verwendung zusätzlich ein.
  9. Formaldehydarme MDF-Platten
    Diese Platten weisen die geringe Formaldehydemission auf. Die mitteldichte Faserplatte MDF Topan hat eine Rohdichte von 780 bis 800 kg/ml und entspricht in ihrer Ausgleichsfeuchte etwa dem Vollholz. Die glatten oder strukturierten Platten werden im Gegensatz zu den Holzspanplatten zur Zeit nur aus entrindetem Kiefern- und Fichtenholz sowie einem minimalen Tannenholzanteil mit gleichmäßigen Fasern, welche mit Bindemitteln (Harnstoff-Formaldehydharz) gemischt und im Trockenverfahren unter Druck bei 230 Grad verpresst werden, hergestellt. Die Platten sind in Dicken von 6 bis 38 Millimetern verfügbar, können aber auch in jeder Schreinerei problemlos dünner geschliffen werden. Die Hygroskopizität des UF-Harzes bedingt zusätzlich eine hohe Materialausgleichsfeuchte. Bei dieser Topan-Platte liegt mehr freie Cellulose vor, der Klebeharzanteil ist höher und es liegt unter den einzelnen Fasern eher eine punktuelle Verklebung vor.

MDF-Wissen

MDF-Platten werden auch als Formplatte mit Einschnitten versehen geliefert. Die 6, 8 und 9,5 Millimeter starken Formplatten sind alle 5 mal 7 Millimeter tief und 2 Millimeter breit eingeschnitten. Werden dickere Plattenstärken gewünscht, so lassen sich diese durch Aufdoppeln von zwei oder mehreren Platten herstellen. Für einen Rückseitenschutz lassen sich daraus quer zur Fräsung Stäbchenleisten schneiden, welche in etwa das Aussehen einer Zahnleiste haben. Werden diese Streifen am Rand einer MDF-Platte fixiert, erhält man so einen idealen Abstandhalter zwischen Rückseitenschutz und Spann- bzw. Keilrahmen. Diese Formplatten haben sich mittlerweile auch als sich anpassende Stütze für zertrennte Nadelholztafeln bewährt.
Sollten MDF Topan Platten nicht erhältlich sein, kann auch auf die HDF-Platte Homadur zurückgegriffen werden, welche der MDF Topan Platte relativ ähnlich ist. Diese aus fein aufgeschlossenen, heimischen Nadelholzfasern (Fichte und Kiefer) im Trockenverfahren hergestellte Platte ist roh, beidseitig glatt in den Stärken 2,5, 3, 4, 5 und 6 Millimeter lieferbar. Sie hat einen Leimanteil von 1,5 Prozent. Die Homadur-Platte ist wie MDF Topan der Emissionsklasse E 1 zuzuordnen.
Die MDF Topan Sorten kommen für einen Gemälderückseitenschutz in Frage. Sie werden von der Firma Glunz in Meppen hergestellt. MDF Topan (UF-verleimt) bietet den Vorteil der höheren Aufnahme von Wasserdampf, stellt aber eine gewisse, wenn auch geringe Formaldehydbelastung für das Objekt dar.
Wichtig ist es, sich vor dem Erwerb von Platten auf Holzbasis über die Menge der aus dem Material ausdünstenden Essig- und Ameisensäure zu informieren. Gerade über der Angst vor dem weithin gefürchteten Formaldehyd wurden die ebenfalls für Kunst- und Kulturgut sehr gefährlichen organischen Carbonsäuren, welche sich nicht nur in natürlichen Holzarten wie Eiche, Pinie und Fichte finden, sondern leider auch in vielen Sperrholz- und Tischlerplatten, sowie in MDF- und HDF-Platten, oft vergessen.

Ein Praxisbeispiel

An allen Gemälden der Sammlung des August Deusser Museums im schweizerischen Bad Zurzach befindet ein Rückseitenschutz. Dieser wurde im Hinblick auf eine beabsichtigte Verglasung, welche immer einen Luftabschluss von vorne darstellt, entwickelt.
Wir wählten eine 6 Milimeter starke MDF-Platte (Topan, UF-verleimt) aus. Auf diese Platten wurde eine Leiste (1 Zentimeter dick, 1,5 Zentimeter breit) aus demselben Material, mit einer selbst hergestellten Mischung aus homopolymeren und copolymeren Polyvinylacetaten (PVAc) am Rand der Unterseite der MDF-Platte auffixiert, der gesamte Rückseitenschutz wurde dann auf den Keilrahmen des Gemäldes aufgeschraubt. Dabei hat die Anordnung der schmalen Schlitze der MDF-Formplatte eine relativ geringe Luftzirkulation zur Folge. Auch die Vibration der Leinwand eines Probegemäldes bei Bewegung fällt gering aus.
Da bei dieser Art der Montage keine Lücken im Rückseitenschutz entstehen, kann die hier vorgestellte Lösung als sicherer bezeichnet werden, als in der Literatur vorgestellte Varianten, bei welchen die zu Recht gefürchtete Kaminwirkung auftreten wird. Dabei können sich die seitlich für Keile oder Luftlöcher ausgesparten Bereiche im Laufe der Zeit als dunkle Flecken auf der Vorderseite vor allem bei monochromen Leinwandgemälden abzeichnen.
Auch für Gemälde, die sich nicht unter Glas befinden, stellt dieser beschriebene Rückseitenschutz eine ideale Prophylaxe dar. Die Voraussetzung für die Montage eines Rückseitenschutzes stellt immer die vorherige Sicherung der Keile des Keilrahmens dar. Nicht unerwähnt bleiben soll letztlich die Einglasung des Gemäldes mit UV-Schutzgläsern mit oder ohne klimapuffernde Schicht. Das Gemälde befindet sich nach dieser Maßnahme in einer eigenen, quasi wartungsfreien Vitrine im Zierrahmen.

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© Der Kunsthandel 2009