Handwerk

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Die Technik des Goldscrafitto
Kratzen mit Fingerspitzengefühl

Das traditionelle Vergolderhandwerk kennt unterschiedlichste Dekor-, und Verzierungstechniken auf diversen Untergründen. Kirsten Beuster von der Vergolderei Beuster in Hamburg erklärt die Technik des Goldscrafitto oder die so genannte „Radierung“. Diese hat nichts mit der gleichnamigen Drucktechnik gemeinsam. Scrafitto ist primär eine Putztechnik für größere Wandflächen. Dort wird mit einem Spachtel eine Zeichnung in den noch frischen Putz gekratzt. Nach dem Aushärten des Putzes bleibt das Dekor dann vertieft sichtbar auf der Fläche stehen.

Im Vergolderhandwerk bedeutet die Technik des Goldscrafitto, dass eine Zeichnung nicht etwa unter Putz, sondern unter einer Farbschicht sehr fein hervorgekratzt wird. Analog wird bei dieser Technik der Putz durch die Farbe ersetzt und dies kann entsprechend feine, dekorative Ergebnisse hervorbringen. Das Goldscrafitto zählt zu den zweidimensionalen Verzierungstechniken im Vergolderhandwerk. Grundsätzlich werden die Verzierungstechniken in der Vergolderei in plastische-, dreidimensionale-, oder die benannten zweidimensionalen Dekortechniken unterteilt. Darunter fallen beispielsweise die Gravierung, das Goldscrafitto und die Punzierung.
Die wunderschöne Dekortechnik des Goldscrafitto geht auf die Entstehungszeit der ersten Bilderrahmen in der Renaissance zurück. Diese Zeit ist geprägt von einer Wiedergeburt der klassischen römischen und griechischen Antike. Das erste Goldscrafitto oder die ersten Radierungen/Trassierungen lassen sich bereits auf Madonnenbildern des 14. Jahrhunderts nachweisen. Nicht lange zuvor hatten sich auch die Rahmen und Bilder erstmals vollständig von der Architektur getrennt und konnten sich zu eigenständigen Gemälden und Bildträgern weiterentwickeln.
Eine besondere Rolle spielte die italienische Renaissance, denn hier galt diese Technik als weit verbreitet und zierte nicht nur Madonnenbilder, sondern ebenso zahlreiche Prunk-, und Dekorrahmen. Beispiele sind die prunkvollen Ädikularrahmen, die insbesondere bei den Ausstattungen zahlreicher Kirchen und Kapellen Teile des Innenraums dominierten und als Beitrag zu deren Dekor betrachtet wurden. Diese schönen Architektur-, und Tabernakelrahmen galten daher für diese Epoche in der Rahmengeschichte als stilprägend. Nicht nur deren äußere Form, eine Art Bühnencharakter mit Pilastern, Säulen und Giebeln, zeichnet diese Rahmen aus, sondern ergänzend deren klassische Dekore. Die Ornamente des zeitgenössischen Goldscrafitto nehmen ebenfalls Bezug auf die klassische, antike Architektur und bestehen häufig aus stilisierten Akanthusblättern, Voluten, Ranken oder antiken Fabelwesen. Die Dekore konnten als durchlaufende Verzierung eines Rahmens entweder nur in den Rahmenecken und/oder in deren Mitten eingesetzt werden.

Wertvoller als Bilder

Als weitere Ergänzung erschien der Plattenrahmen als ein neues Stilelement dieser Epoche. Dieser besitzt ein schmales Innen-, sowie ein etwas breiteres Außenprofil, welches von einem flachen Mittelbereich getragen wird. Dieser Bereich, wurde oft in der Technik des Goldscrafitto verziert.
Goldscrafitto verkörpert bis heute einen Teil des pulsierenden Geistes jener Epoche, die durch einen Rückgriff auf den antiken Humanismus sowie einer sich neu definierenden Wissenschaft gekennzeichnet ist. Darüber hinaus erinnert diese Zeit daran, dass die Anfertigung der Rahmen in der Renaissance nicht nur sehr anerkannt war, sondern die Rahmen oft bereits vor der Anfertigung der Bilder bestellt wurden. Die entsprechenden Prunkrahmen waren daher nicht nur hoch dotiert, sondern nicht selten wertvoller gehandelt als ihre zugehörigen Bilder.
Heute liegt genau darin die Ambivalenz dieser alten klassischen Handwerkstechnik, denn seit ihrer Entstehung ist sie nahezu unverändert erhalten geblieben und daher ebenso zeitintensiv, wie prunkvoll. Sie sollte daher wie alle dominanten Goldflächen nie zu ihrem reinen Selbstzweck, sondern nur in Ergänzung und Zurückhaltung eines zu rahmenden Objektes gewählt werden. Der Reiz beim Goldscrafitto liegt in dem starken Kontrast von Licht und Dunkel. Dies greift die ambivalenten Philosophien der Renaissance auf und überträgt sie auf die konkrete Ebene der Materialien Farbe und Gold.

Wirkung einer Intarsie

Bei der Herstellung eines Goldscrafitto wird, analog zu den alten Traditionen, eine vergoldete Oberfläche zunächst mittels einer Farbe deckend überstrichen. Nach deren Trocknung wird ein zuvor auf die Farbe aufgebrachtes Ornament mit einem feinen Griffel sichtbar wieder herausgekratzt. Nach dem Abschluss der Arbeiten schimmert dann das Ornament wie eine feine vergoldete Intarsie wieder durch den Farbauftrag.
Neben der Gravierung der Rahmen ist diese Technik, gemessen an ihrem Arbeitsaufwand, eine zeitintensive, aber dennoch eher unkomplizierte Technik. Es werden außer einer vorbereiteten Papierpause mit einem entsprechend vorbereiten Ornament keine weiteren Hilfsmittel benötigt. Diese schöne Technik bietet sich in der Rahmenherstellung, insbesondere bei der Reproduktion von klassischen Plattenrahmen oder bei breiteren flachen Profilen, an. Darüber hinaus sind vielfältige moderne Varianten möglich und der individuellen Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.
Der zuvor blank oder matt polimentvergoldete Untergrund wird mit der Farbe deckend überstrichen. Die entsprechend gewählte, zu dem Gold kontrastierende Farbe sollte wasserlöslich und in einer deckenden Konsistenz vorbereitet worden sein. Nach der vollständigen Durchtrocknung des Farbauftrages, wird das Ornament mittels Pauspapier und einem Bleistift auf die Fläche übertragen. Danach wird das Ornament mit einem feinen Holzgriffel aus der Farbschicht herausgekratzt. Als Holzgriffel kann auch ein angespitzter kleiner Pinselstiel dienlich sein. Diese Arbeit erfordert viel Fingerspitzengefühl und einige Übung. Der Griffel kann wie ein Pinsel verwendet werden.
Nach Abschluss der Arbeiten sticht das sorgsam herausgearbeitete Ornament in glänzendem Gold aus der dunkleren Farbe heraus. Das Objekt oder der Rahmen kann abschließend, falls gewünscht, weiter bearbeitet werden. Klassische antike Rahmen wurden nur selten weitergehend behandelt.

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© Der Kunsthandel 2009