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Werner Murrer/ Sixtinische Madonna
Rahmen wechsel dich!

"Die schönste Frau der Welt wird 500." So propagieren die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden den runden Geburtstag von ihrem berühmtesten Kunstwerk: der Sixtinischen Madonna von Raffael.
1754 kam sie auf Wunsch von August III. nach Sachsen und ist seit dem - mit Unterbrechung durch den Zweiten Weltkrieg - im Zwinger beheimatet. Passend zum Geburtstag erhielt die weltberühmte Madonna nun einen Rahmen, der ihrer würdig ist und sie in neuem Licht erstrahlen lässt.

Das hätte er sich nicht träumen lassen, erzählt Werner Murrer, dass er einmal die Sixtina neu rahmen dürfte! Der Inhaber der Rahmenwerkstatt Werner Murrer Rahmen wurde von den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden mit dem Auftrag betraut, der Sixtinischen Madonna endlich einen passenden und originalgetreuen Rahmen zu geben. Denn das "äußerst ausgefallene und einzigartige Werk", wie es Giorgio Vasari, der Vater der Kunstgeschichte, in seiner Raffael-Biografie von 1550 nannte, musste zu oft seine Rahmung wechseln.

Verschiedene Stile, verschiedene Rahmen
Papst Julius II beauftragte 1512 den jungen Raffael, die Sixtinische Madonna für den Hochaltar der Klosterkirche San Sisto in Piacenza zu malen. Von dem ursprünglichen Rahmen - vermutlich ein Tabernakelrahmen, wie sie in der italienischen Renaissance für Hoch- und Seitenaltäre üblich waren - ist heute nichts mehr bekannt; weder gibt es überlieferte Dokumente, noch geeignete Rahmenentwürfe vom Maler selbst, die Kirche wurde mehrfach umgebaut. Als die Gottesmutter 1754 vom sächsischen König für dessen Sammlung angekauft wurde, integrierte man das Gemälde ins Ensemble aus spätbarocken Rahmen, die alle Werke August III. schmückten. 1856 erhielt das Altarbild einen eigenen Andachtsraum in Sempers Galerieneubau und passend dazu einen "im Sinne Semperscher Architektur" freistehenden Altarrahmen mit Sockel, Pilastern und einer giebelartigen Bekrönung mit Palmette auf Voluten. Später folgte die Auslagerung wegen des Zweiten Weltkrieges und als Raffaels Madonna 1955 wieder aus der Sowjetunion nach Dresden zurückkehrte, hatte sie wieder einmal keinen Rahmen. Der war vermutlich in Dresden zurückgeblieben und zerstört worden. Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden spendierten ihrem Prunkstück einen zentralen Platz in der Gemäldegalerie nebst Rahmen: einem neu gefertigtem Plattenrahmen im Stil der italienischen Frührenaissance, der 1983 zur verglasten Wandvitrine umgebaut wurde.

Geschenke zum Geburtstag
500 Jahre gehen nicht spurlos an einem vorbei; auch der "schönsten Frau der Welt" sah man ihr Alter an. Matt und fad wirkte sie, die violettrote Wandbespannung der Raumes überstrahlte ihre Farbkraft und die grünlich-grauen Töne von Rahmen und Verglasung hinterließen einen gealterten Eindruck. Das und das runde Jubiläum der Raffaelschen Gottesmutter waren Grund genug, sich nach einer neuen Behausung für die Sixtina umzusehen, ihr einen neuen Rahmen samt Verglasung zu schenken und ihre Umgebung auf sie abzustimmen.
Pünktlich zum Geburtstag strahlt sie nun wieder, das Gemälde, über das Goethe schrieb: "Hätte Raffael nur dieses eine Bild gemalt, es hätte ihn allein unsterblich gemacht."

Sacra Conversazione in Bologna
Der neue Rahmen stammt aus München, er ist eine Originalkopie eines italienischen Tabernakelrahmens. Nach aufwendiger Suche durch Experten und Kunsthistoriker entschied man sich für den Nachbau eines Tabernakelrahmens, der den selben Bildtypus der Sacra Conversazione in einem Gemälde von Lorenzo Costa rahmt. Hierbei handelt es sich um einen Architekturrahmen, der einen eigenen Raum um das Gemälde ausbildet. Werner Murrer hat sich mit seinem Team aus ausgebildeten Vergoldern, Restauratoren, Schreinern und Kunsthandwerkern nach Bologna begeben, wo sich das Vorbild befand, um vor Ort die Schnitzarbeit und Vergoldung zu studieren und die Holzkonstruktion direkt in der Kirche zu vermessen. Murrer erzählt: "Unser spezielles Anliegen bestand darin, durch künstlerische Ausführung die höchstmögliche Übereinstimmung mit dem historischen Vorbild zu erreichen." Dabei galt es die Auswahl der Holzart, die angewandte handwerkliche Technik in der Schnitzarbeit und die Vergoldung nach überliefertem Rezept zu beachten. Zudem sollte der Rahmenkopie nicht die passende Patina fehlen, die einer natürlichen Alterung entspricht.

Akanthusblätter und Wappenschilder
Die Dekorationselemente des neuen Rahmens sind sehr elegant und feingliedrig gestaltet. Architrav, Sockel und Pilaster sind mit feinem floralen Schnitzwerk verziert. Die Pilaster mit aufsteigenden Pflanzenmotiven und Kapitellen, die waagerechten Flächen mit Ranken mit Akanthusblättern und Blüten, dazu Blattrosetten, Vasen, Kelche und Wappenschilder an Bändern versehen. Alle Verzierungen wurden frei geschnitzt und wirken dadurch sehr lebendig.
Die Rahmenfassung wurde als Glanzpoliment-Vergoldung ausgeführt und ist mit punzierten Hintergründen bereichert - über eine Millionen Punzen platzieren sich auf dem Holz. Die Rahmenmacher hatten eine Fläche von mehr als zehn Quadratmetern zu vergolden, wofür 30 g Dukatendoppelgold, insgesamt etwa 2025 Goldblätter verwendet wurden. "Das Ganze war wirklich ein Jahrhundertprojekt! Sowas gibt es nur alle 500 Jahre", berichtet der Münchner begeistert.

Sicherheit und Umgebung
Natürlich muss auch der neue Rahmen den hohen Sicherheitsstandards der Museen angepasst werden, so verbirgt sich in ihm eine moderne Vitrine der Firma Reier, die neben einer reflexarmen Sicherheitsverglasung auch einen erhöhten Staubschutz bietet. Ein grauer Wandanstrich, die schlichte Sockelgestaltung und eine gerichtete Ausleuchtung ergänzen die Neuaufstellung der Sixtina und machen sie wieder zum glanzvollen Schmuckstück des Zwingers - ganz ohne Restaurierung. Auf den passenden Rahmen kommt es eben an.

fr


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