Handwerk

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Rahmenkunst im Jugendstil
Die Geburtsstunde des Künstlerrahmens

Jugendstil ist die deutsche Variante einer internationalen Stilbewegung, die sich von Frankreichs Art Nouveau ausgehend in ganz Europa entwickelte. Vor allem das Kunsthandwerk erhielt durch die Vertreter der Stilrichtung eine historisch einmalige Aufwertung.
Um 1900 bildete sich so zum ersten Mal eine bewusste Verbindung zwischen Bildinhalt und Rahmen heraus – oftmals wurde der Rahmen dabei direkt vom Künstler mitgestaltet.

Der Jugendstil wirkte sich auf die gesamte Lebenskultur des beginnenden 20. Jahrhunderts aus. Vor allem in der Architektur, dem Kunsthandwerk und beim Design hat er deutlichen Niederschlag gefunden. Parallel zu dieser Entwicklung entstand in der Bildenden Kunst und in der Literatur der Symbolismus und der frühe Expressionismus. Dies sind zeitgleiche Strömungen, die bisweilen offene Gegensätze bildeten, so zum Beispiel in der dekorativen Oberfläche des Jugendstils auf der einen Seite und in den tiefschichtigen Werken eines Franz von Stuck, Arnold Böcklin, Gustav Klimt oder Edvard Munch auf der anderen Seite.

Ornamentik als Ausdruck eines Lebensgefühls
Zugleich kann man diese Epoche, die etwa von 1880 bis 1914 andauerte, als Gegenbewegung zum Historismus betrachten. Die klassische, meist gerade Tektonik und die Bezüge auf vergangene Epochen und deren Stilrichtungen wichen fließenden und floralen Formen. Die dekorativ geschwungene Linie sowie eine flächenhafte Blüten- und Blätter-Ornamentik gelten heute noch als Hauptmerkmale des Jugendstils. Die organischen Formen waren häufig der Tier- und Pflanzenwelt entlehnt und vermittelten ein Gefühl verspielter Leichtigkeit. Zur Programmatik der Epoche gehörte dennoch die Forderung nach Funktionalität und Ausdruck der Funktion in der Erscheinung der Dinge. Man wandte sich strikt gegen symmetrische und streng axiale Bauformen, die im Historismus überwogen und wollte mit dem neuen Stil einen modernen Ausdruck seiner Zeit schaffen – einer Zeit, die geprägt vom technischen Fortschritt und der stets schneller werdenden Kommunikation, Mobilität und Entwicklung war.

Kunsthandwerk als bodenständige Kunstform
Das Prinzip des Gesamtkunstwerkes wurde im Jugendstil auf die Spitze getrieben, nicht nur die äußerliche Form sollte den Ansprüchen genügen, auch beispielsweise die Innenausstattung von Gebäudekomplexen wurde dekorativ in einheitlichem Sinne umgestaltet. Damit wurde auch die Forderung nach der Verschmelzung von Kunst und Leben verknüpft und die Wiedereinbeziehung der Kunst in das Alltägliche. So wurden die Alltagsgegenstände künstlerisch neu gestaltet und zu dekorativen Formen, das Kunsthandwerk erlebte eine Blüte, wie sie seit dem nicht mehr erreicht wurde. Tobias Schmitz schreibt in seinem Buch „Lexikon der europäischen Bilderrahmen“: „Für die Bilderrahmen des Jugendstils bedeutet dies, dass die Profile meist flach gehalten sind und oft die Form von Plattenrahmen annehmen. Die Rahmenplatten können dabei entweder gar nicht oder lediglich von stark zurücktretenden Innen- und Außenprofile eingefasst sein. Oft sind sie mit Motiven versehen, die im Zusammenhang mit dem Inhalt des Gemäldes stehen […] oder (sind) mit bewegten, fast graphisch anmutenden Linien verziert.“

Künstlerrahmen – die Perle der Rahmenkunst
Die von Schmitz erwähnte Art des Zitierens von Bildinhalten ist für die Künstlerrahmen charakteristisch, die um 1900 in den Kreisen um die Maler Franz von Stuck, Arnold Böcklin, Gustav Klimt und Franz Lenbach entstanden. In einer Ausstellung, die 1995 im Museum Vincent van Gogh in Amsterdam stattfand, wurde zum ersten Mal das Wagnis unternommen, die epochalen Bild- Rahmenwerke der genannten Künstler zu zeigen und sie in den Kontext zu anderen Stilformen zu stellen. Die Ausstellung „In perfect harmony“ schrieb Rezeptionsgeschichte. Seit dieser Zeit hat es keine Ausstellung mehr gegeben, in der der Bilderrahmen eine solche Aufmerksamkeit erfahren hat. Die Kunsthistorikerin Dr. Eva Mendgen zeigte an Gustav Klimts Bild-Rahmen-Gesamtkunstwerk „Porträt des Pianisten und Klavierpädagogen Joseph Pembauer“ (1890) auf, wie sehr der Rahmen von den Bildwerken jener Zeit beeinflusst wurde. Gesellschaftlich bedeutete die Epoche des Jugenstils einen Umbruch, der in vielerlei Erscheinungen bis heute fortwirkt. Dieser Umbruch wird in der Ästhetisierung der Lebenswelt sichtbar. Kunst wird zur Ersatzreligion, die sich in der Realität ausbreitet und das Design erfasst. Beispielhaft ist hier der Rahmen des erwähnten Porträts des Pianisten: „Der breite, verplattete Rahmen ist transparent vergoldet und wurde von Klimt im Stil attischer Vasenmalerei bemalt. Weder ein Reliefornament noch ein plastisch aufgebautes Profil trennen Bild, Rahmen und Umgebung voneinander. Lediglich die unterschiedlichen Farben auf Bild und Rahmen und die Malweise, im Bild naturalistisch und im Rahmen stilisiert, markieren die Grenze zwischen beiden Medien. Die archaischen, zweidimensionalen Ornamente sind effektvoll auf dem das Bild auratisch überhöhenden Goldrahmen angebracht und beziehen sich auf den Dargestellten,“ beschreibt ihn Mendgen im Katalog zur Ausstellung.

Englische Einflüsse
Zwischen dem Rahmen Klimts und der Rahmen der englischen Präraffaeliten, wie zum Beispiel zu denen der Gemälde von Edward Burne-Jones und von Dante Gabriel Rossetti, besteht eine offensichtliche Verbindung. Die Rahmen jener britischen Schule aus der Mitte des 19. Jahrhunderts leiteten sich zum größten Teil aus antikisierenden Architekturformen ab, wie sie im viktorianischen Zeitalter auf der Insel sehr beliebt waren. Hielten sich die Rahmenbauer dort noch eng an das historische Vorbild und applizierten vergoldete dorische und ionische Kapitele, Triglyphen und Pilaster, mutierte dieser plattenförmige Aufbau im deutschen Jugend- und im österreichischen Sezessionsstil zu einem schlichten Plattenrahmen. Signifikant für den zitierten Rahmen Klimts ist die spielerische Art des Ornaments, welche die Zeichnung der antiken Vasenformen aufgreift und so eine Verbindung zur Herkunft der Rahmenform herstellt, daneben aber auch Bildelemente einfließen lässt, die anderen Ursprungs sind. Sogar das heute noch gebräuchliche Logo einer Bierbrauerei taucht an der unteren Rahmenplatte auf. Diese Form der Bildeinrahmung bedeutete für die Entwicklung ein Novum, denn „der Jugendstil machte […] mit der Vorstellung einer umschließenden Dekorzone in dem Sinne Ernst, dass flache Platten, an die Stelle der Profile traten, das Prinzip des umlaufenden Musters aufgegeben wurde und eine beliebige Struktur appliziert werden konnte. Dabei konnten auswuchernde Teile der Bilddarstellung auf den Rahmen gesetzt werden, phantasievolle figurale Assoziationen, kalligraphische Felder. In vielen Fällen wurden auf die erweiterte Bildtafel lediglich dünne Profilstäbe aufgenagelt und die dazwischengelegenen Felder bemalt“, schreibt Claus Grimm in seinem Standardwert „Alte Bilderrahmen“.

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