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Rokoko-Bilderrahmen
Die Entdeckung des Innenraums

Louis XV bestimmte den Geschmack einer Epoche, die auch als Rokoko bezeichnet wird. Dieser französische König lebte in der Zeit zwischen 1710 und 1774. Im üppigen Dekor des Rokoko kommt auch der Wunsch zum Ausdruck, zur Natur zurückzukehren und wie edle Wilde zu leben. Seinen Namen hat die Epoche von ihrer bekanntesten Zierform, der Muschel (franz. Rocaille = Muschelwerk).

Im Gegensatz zum Barock, aus dem heraus sich das Rokoko entwickelt hat, erlebten in dieser Zeit die Kleinkünste eine wahre Hochkonjunktur, die von der Medaille über die Porzellanfabrikation bis hin zum Stuckdekor und zur Bilderrahmengestaltung reichte. Bei dieser Vielschichtigkeit der Kleinkünste trat die Malerei zunehmend in den Hintergrund. Im Vordergrund standen dekorative Aspekte, die von der Lebensfreude und der Verspieltheit dieser Epoche künden. Zu den wesentlichen Elementen dieser Dekoration gehörten Naturformen, die ebenso prächtig angelegt waren wie die Lustgärten jener Zeit. Zu den prägenden Dekorationselementen gehören wie schon in der Renaissance Muschelformen: Im Rokoko waren die Formen allerdings asymmetrisch angelegt. Die Bilderrahmen aus jener Zeit zeugen davon; sie wirken üppig. Die Zierleiste löst sich in geschwungenen S-Kurven vom Plattenrahmen ab und das Zierwerk in den Winkeln oder an den Leisten selbst fällt durch das üppige Muscheldekor auf.

Mehr Interesse am Privaten
Der Innenraum, der im Barock eher am Rande des Gestaltungsinteresses stand, wurde im 18. Jahrhundert neu gewichtet. Ohne Übertreibung kann man sagen, dass sich im Rokoko die private Sphäre von der öffentlichen zu lösen begann. Das Interesse an Reisen, Kuriositätenkabinetten und an der wissenschaftlichen Tätigkeit, das am französischen Hof Einzug hielt, formulierte neue Anforderungen an die Künstler.
Das Rokoko ging vom französischen Hof aus, der sich im Zeitalter Ludwig XV. mehr und mehr in die ländliche Idylle des Grand Trianon zurückzog. Nirgends wird dieser Rückzug nachvollziehbarer als in dem Wandel, der bereits zu Beginn dieser Epoche in der Malerei sichtbar wird. Die überragende Malerpersönlichkeit, die die Empfindungen der gesellschaftlichen Oberschicht jener Zeit prägte, war Antoine Watteau (1684-1721), der zu seinen Lebzeiten nur geringe Beachtung fand, aber in den folgenden Jahrzehnten stilbildend wirkte. In der Folge der weiteren Entwicklung der Kunst begegnen wir François Boucher (1703-1770) und Jean-Honoré Fragonard (1732-1806). In der Philosophie propagierte Jean Jacques Rousseau mit seinen Werken wie „Emile“ oder „Nouvelle Héloise“ eine Rückkehr zu den natürlichen Lebensweisen und zum Vorbild des „edlen Wilden“. Im Sinne dieses Denkers fanden auch die Gartenanlagen rund um die Schlösser besondere Beachtung und wurden, wie beispielsweise die Schlossanlage im badischen Schwetzingen, zu einer Art „Welttheater“ mit Moschee, antiken Ruinen und griechischen Tempeln gestaltet. Im Rokoko entstand um in den Höfe Europas eine neue Form des Privaten, die auch von den reichen bürgerlichen Häusern übernommen wurde.

Die Bilderrahmen dominierten das Bild
Die Bilderrahmen dieser Zeit waren wesentliche Elemente der Ausstattung und übertrafen in ihrer Üppigkeit die Ausdruckskraft der Malerei. Deutlich wird dies an mehreren Beispielen aus dem Museum Heylshof, Worms. Eine der Grundformen des Louis XV. Rahmens diente hier für die Fassung eines Gemäldes von Jacob Isaacksz van Ruisdael (1628/29-1682). Die „Landschaft mit Wasserfall“ gehört zu den Meisterwerken in der Wormser Sammlung. Durch die Staffagefiguren im mittleren Bildbereich macht der Maler die Dimension deutlich, die den Menschen angesichts der Natur klein erscheinen lässt. Die Ruinen im Hintergrund mahnen an die Vergänglichkeit aller menschlichen Schöpfung. Dieser Gedanke wird auch durch die Tätigkeit unterstrichen, der die Figuren im Vordergrund nachgehen. Sie bauen offenbar ein Holzfloss, arbeiten also mit einem Naturmaterial, dessen Brüchigkeit und Kurzlebigkeit durch den zersplitterten Stumpf am linken Bildrand und durch den fallenden Baumstamm rechts betont wird. Es liegt also durchaus nahe, in diesem Bild mehr zu sehen als eine reine Landschaftsdarstellung. Solche Werke wurden im Rokoko gesammelt, die Rahmung aus jener späteren Zeit entspricht demnach durchaus dem Geist der Epoche.

Hohlkehlen und Arkanthusblatt
Die Grundform dieser Rahmung besteht aus einer Hohlkehlenleiste. Das Karnisprofil der Leiste ist durchaus noch deutlich zu erkennen. Es ist auf einer zirka 2 cm breiten Platte aufgesetzt, die wiederum durch eine ornamental verzierte Innenleiste vom Bildrand abgesetzt ist. Vorbilder für die Formen dieses Ornamentes finden sich in der Pflanzenwelt. Es handelt sich hierbei vermutlich um die Spitzen von Akanthusblättern, die in diesem Falle nicht symmetrisch, sondern unregelmäßig aufgereiht wurden. Das entscheidende Stilmerkmal bei dieser Rahmung ist die Außenleiste, die zu einem opulenten Maßwerk erweitert wurde. Deutlich zu erkennen sind die Muschelformen, die in den Ecken und als Seitenkartuschen verwendet wurden. Diese Kartuschen wurden durch ein äußeres, mehrfach verschlungenes Stengelband miteinander verbunden, das sich über den Kartuschen raumgreifend erweitert und meandriert. Das meandrierende Stengelband ist mehrfach unterbrochen und läuft an den jeweiligen Bruchstellen in einer Verknotung aus, wie sie bei Farnen vorkommt, wenn sich die jungen Blätter entrollen. Die Blattform junger Farne taucht auch bei einem inneren Band wieder auf, das parallel zum Stengelband verläuft. Auf diese Art und Weise werden die Kartusche mit pflanzlichen Motiven umrankt und in das Gesamtrahmenwerk integriert. Kriterien für die stilistische Zuschreibung dieses Rahmens sind hier zum Beispiel die üppige Ausreizung des Pflanzenmotivs, vor allem aber
das gelungene Spiel mit der Asymmetrie, wie sie für die Epoche charakteristisch war.

Nacktes neben Schmuckvollem
Neben diesem hat die Sammlung von Heyl noch weitere Schätze aus dem Bereich der Rokokorahmung zu bieten, so die Fassung eines Werkes des Malers Charles Andrée van Lou (geboren 1705 in Turin, gestorben 1765 in Paris). Bei dem dargestellten Werk handelt es sich um das 1737 entstanden Bild „die Entwaffnung Amors durch Venus“. Der Bezug auf die antike Mythologie dient bei dieser Komposition als Vorwand zu einer relativ freizügigen erotischen Darstellung, wie sie für die Epoche Louis XV nicht unüblich war. Von der malerischen Ausführung ist dieses Werk offensichtlich kein Meisterwerk; die Anatomie, vor allem der weiblichen Figur, weist erhebliche Mängel auf und auch das Kolorit zeigt sich wenig differenziert.
Von der Grundform erinnert das ovale Format des Bildes an ein Schmuckstück wie eine Gemme oder ein Kamee. Formen wie diese tauchen auch bei Spiegelrahmen auf und haben sich in diesem Zusammenhang bis heute gehalten. Die Idee des Schmuckstückes findet auch in der Gestaltung des Rahmens ihren Niederschlag. Das ovale Gemälde ist in einen rechtwinkligen Grundrahmen eingefasst, die vier Ecken dieses Rahmens wurden mit farnartigen Pflanzenbändern erweitert. In der Mitte der linken und rechten Seitenleiste stehen Muschelmotive. Die Stirnleiste wurde mit einer gemmenartigen Bekrönung, die in eine muschelform ausläuft, besonders betont. Wie eine negative Spiegelung erscheint die Form auf der unteren Leiste. Diese beiden durch die Aufsetzung besonders betonten Elemente dehnen die vertikale Dimension des Rahmens optisch aus und stellen somit einen Bezug zu der Ausgangsform her. Die Verbindungslinien zwischen den einzelnen Elementen bilden hier Eierbänder, wie sie aus der dorischen Architektur bekannt sind. Die jeweiligen Zwickel wurden mit sorgsam abgegrenzten Flächen verziert, die ebenfalls mit Pflanzenmotiven versehen sind. Insgesamt macht dieser Rahmen trotz seiner Fülle einen leichten, luftigen Eindruck, der ganz dem Motiv entspricht.

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© Der Kunsthandel 2012