Handwerk

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Zeitgemäße Restaurierungstechniken, Teil 4
Ein Schwamm für jede Gelegenheit

Dipl.-Restaurator Dr. Paul-Bernhard Eipper erklärt im vierten Teil unserer Serie, worauf es bei einer trockenen Oberflächenreinigung ankommt und nennt Stärken sowie Schwächen verschiedener Schwammtypen für die Bildrestaurierung.

Verschmutzte Oberflächen sind seit vielen Jahrhunderten trocken mit Weiß- oder Mischbrot gereinigt worden. So mancher Kirchenmaler schwört auch heute noch darauf. Brot belastet die Objekte jedoch stark durch die Einarbeitung seiner Bestandteile in die Oberfläche, die als Rückstände im Gefüge des behandelten Objektes zurückbleiben. Dort dienen sie als Nährboden für Mikroorganismen und ziehen Fliegen an, die wiederum die Oberfläche verschmutzen. Durch harte Krusten kann Brot zudem Oberflächen zerstören.

Der Akapad

Glücklicherweise hat seit 1977 der „Wishab“-Schwamm der Akachemie aus Hamburg das Brot verdrängt. Später änderte man seinen Namen aus Marketinggründen in „Akapad“. Er besteht aus einer Linoxynart, Faktis oder auch Ölkautschuk genannt, weiterhin aus synthetischem Latex, gebundenem Mineralöl und chemisch gebundenem Vulkanisier- und Geliermittel.
Der pH-neutrale Schwamm besteht aus zwei Schichten: einer weichen, harten oder extraharten gelben Arbeitsseite – bzw. einer weißen Variante für Papiere und Dokumente – und einer harten blauen Seite aus Polyurethan (PU). Diese dient als Haltegriff und sollte die Oberfläche keinesfalls berühren. Der Akapad wird in seiner Zusammensetzung fortlaufend modifiziert und neuen Erkenntnissen angepasst.
Seine Funktionsweise besteht darin, dass er einen Teil des Oberflächenschmutzes an seine Arbeitsfläche bindet, die beim Abreiben der damit behandelten Oberfläche zerbröselt. Nach einer wissenschaftlichen Analyse enthält er keine schädigenden Rückstände. Dieser Schwamm wird als Radierer oder Radierpulver gehandelt. Eine damit trocken gereinigte Oberflächen soll auch der Einschwemmung von gelösten Schmutzteilchen ins Craquelée einer Oberfläche bei einer etwaig folgenden feuchten Oberflächenreinigung mit Zelluloseethern, Tensiden oder polaren Lösungsmitteln vorbeugen. Oft zeigt sich bereits nach Abschluss einer trockenen Oberflächenreinigung schon ein ausreichendes Ergebnis.
Bei dem Akapad-Latexschaumschwamm muss nach Aussage des Herstellers zwischen Restauratorenware und Haushaltsware unterschieden werden. Bei schollig aufstehenden und stark pastosen Malschichten ist der Einsatz selbst der weichen Schwämme sehr problematisch, da die Schollenränder durch den ausgeübten Druck abbrechen können.

Neues Standardwerk zur Oberflächenreinigung

Beim Restauratorentag Ende März im großen Saal des Volkskundemuseums innerhalb des Universalmuseums Joanneum (Graz) stellte KUNSTHANDEL-Autor Dr. Paul-Bernhard Eipper das von ihm herausgegebene und mitverfasste neue Standardwerk „Handbuch der Oberflächenreinigung” vor. Es schließt eine Lücke in der bisherigen wissenschaftlichen Fachliteratur zur Bildrestaurierung. Auf 336 reich mit farbigen und schwarz-weißen Abbildungen illustrierten DIN-A4-Seiten erhält der Leser u.a. Informationen zur Reinigung von Gemälden, Skulpturen, Papier, Leder und Pergament, Kunsthandwerk, Gips und Stein.

Erschienen ist die Publikation im Verlag Dr. C. Müller-Straten, der auf Museums- und Restaurierungsfragen spezialisiert ist.
ISBN: 978-3-932704-82-6, Preis: 48 EUR (über Click & Buy als Download-PDF (24 MB) für 38 EUR).
Kontakt: Tel. 089/83969043, Fax 089/83969044, verlagcms@t-online.de, www.museum-aktuell.de.

Der Wallmaster

Der vom Schweizer Mal- und Restaurierungsspezialisten Lascaux Colours & Restauro unter dem Namen Wallmaster angebotene auswaschbare Schwamm aus gestrecktem, reinem Latex zur Oberflächenreinigung bietet sich besonders zur Reinigung von Papieren an. Dieses Produkt lässt sich ebenfalls wie der Akapad problemlos kleiner schneiden. Der Wallmaster enthält keine Imprägnierungsstoffe und wird häufig alternativ für Akapad eingesetzt, vor allem aus Ersparnisgründen, da er sich auswaschen lässt.
Nach unseren Beobachtungen baut sich der Wallmaster im Zeitraum von vier Jahren bei Lagerung im normalen Klima ab. Die Oxidation beginnt an der Oberfläche und schreitet dann nach innen fort. Bei Berührung der spröden Oberfläche zerbröselt der Schwamm dann in relativ harte Krümel. Der Wallmaster-Schwamm wird gelegentlich auch als „chemical sponge“ oder „Rußfresserschwämmchen“ bezeichnet.
Der Wallmaster zerbröselt beim Abreiben der Oberfläche nicht. Es entstehen so höhere Reibungskräfte als sie bei der Verwendung von Akapad-Schwämmen auftreten. Es werden daher mehr Schmutz- und Fremdstoffe in die Malschichtoberfläche eingearbeitet. Zudem werden gegebene Unebenheiten der Ölfarbenoberfläche nivelliert.
Besonders bei ungefirnissten Gemälden, die mit bienenwachshaltigen Farben gemalt wurden, führt diese Oberflächenverdichtung zu einer auffälligen Glanzerzeugung und somit zu einer Veränderung des Erscheinungsbildes der Oberfläche sowie des vom Künstler beabsichtigten Ausdrucks. Dieser Effekt kann auch durch eine eventuell sich anschließende feuchte Reinigung nicht aufgehoben werden. Es sollte deshalb, trotz positiv zu vermerkender fehlender Krümelbildung, von der Verwendung dieser Schwämme auf wachshaltigen Ölfarbenoberflächen abgeraten werden.
Die Glanzerzeugung, die durch die durchaus gängige Verwendung der viel härteren, zudem Weichmacher und Schleifmittel beinhaltenden „Plastik“-Radierer aus dem Schreibwarenbedarf hervorgerufen wird, ist selbstredend noch stärker. Diese setzen sich aus PVC, Kreide, das als Schleifmittel wirkt, und Dioctylphtalat (DOP) zusammen, wobei dem Weichmacher DOP die Rolle des Haft-, Netz- und Lösungsmittels zukommt.

Die Vorgehensweise

Über Versuche und daraus resultierenden Beobachtungen an ungefirnissten Ölgemälden sei nachfolgend kurz berichtet. Vor der Reinigung sollte prinzipiell das Gemälde aus dem Zierrahmen genommen werden und die Malschicht auf ausreichende Haftung überprüft werden. Nach einer ersten Reinigung mit Pinseln, bei der auch die Rückseite und vor allem die „Schmutztasche“ zwischen Leinwand und Keilrahmen nicht vergessen werden sollte, muss das Gemälde auf die Stärke des Spann- oder Keilrahmens unterlegt werden, damit die Leinwand nicht durch Druckausübung bei der Reinigung gedehnt wird. Auf möglichst geringe Kontaktzeiten und Druckausübung ist zu achten.
Auch die Leinwandrückseite sollte mit dem Akapad-Schwamm gereinigt werden. In der Staub- und Schmutzschicht finden sich oft optimale Wachstumsbedingungen für Schimmel und Mikroorganismen.
Durch eine abschließende Nachreinigung, z.B. in Form eines Abkehrens mit Pinseln, werden sämtliche Krümel beseitigt.

Dr. Paul-Bernhard Eipper

Dr. Paul-Bernhard Eipper ist Leiter des Referats Restauration am Universalmuseum Joanneum in Graz



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© Der Kunsthandel 2010