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Zeitgemäße Restaurierungstechniken
Des Herzogs neue Kleider

Viele Einrahmer bieten Kunden auch die Restaurierung von Kunstwerken an. Eine fundierte Ausbildung haben nur die Wenigsten, viele gehen nach dem Learning-by-doing-Prinzip vor – und bringen mit ihren handwerklichen Fähigkeiten oft gute Ergebnisse zustande, gerade wenn es sich um einfache Restaurierungsarbeiten handelt. Schnell sind dabei aber auch irreversible Fehler gemacht, die den monetären wie ideellen Wert der Kunstwerke schmälern. Wie man sie vermeidet und wie man technisch bei der Bildrestaurierung vorgehen muss, erklärt unser Experte, der Diplom-Restaurator Dr. Paul-Bernhard Eipper, im ersten Teil unserer auf mehrere Ausgaben angelegten Serie.

Zwei wesentliche Gründe sind zu nennen, warum Kunstwerke früher oder später zur Restaurierung müssen. Zum einen sind dies Umwelteinflüsse wie Licht, Temperatur und Luftfeuchtigkeit, die auf die Bilder einwirken und sie negativ verändern, oft begünstigt durch ungünstige Aufbewahrung bzw. Aufhängung. An Außenwänden sind Kunstgegenstände beispielsweise immer Bestandteil der Raumschale und folglich dort schlechter aufgehoben als an Innenwänden. Treppenhäuser sind einem Kamin vergleichbar, dort zieht es unaufhörlich, was zur Austrocknung des Objekts führt.
Zum anderen fallen viele Bilder schlicht und einfach von der Wand, stürzen durch den auf dem Sidebord stehenden Kerzenhalter und kommen in der Stuhllehne oder der Skulptur zum Liegen, nicht ohne diese auch noch zu Boden zu reißen.
Es gibt in unserer Zeit viele verschiedene Auffassungen, was in solchen Fällen zu tun ist und wie ein Restaurierungsergebnis auszusehen hat. Noch mehr verschiedene Ansichten herrschen über Methoden und Mittel auf diesem Wege. Der amüsante Ausspruch „Zwei Restauratoren, fünf Meinungen“ ist eine berüchtigte Tatsache. Sicherlich, ganz ohne Zweifel stellt jedes Kunstwerk seine spezifischen Anforderungen.
Dennoch gibt es neben bestimmten Modeauffassungen und -mitteln viele ganz objektiv betrachtet schädliche Methoden und Mittel. Allgemein verständlich wollen wie daher zeitgemäße Restaurierungstechniken näher beleuchten – und damit die Themen Untersuchung, Sicherung, Festigung, Rissverschweißung und -klebung, Kittung, Oberflächenreinigung, Firnisabnahme, Retusche, Schlussüberzug, Rahmung und Aufhängung.

Sorgfältige Begutachtung

Bevor es losgeht, sollte das Objekt einer Untersuchung unterzogen werden. Da viele Kunden mehr oder weniger verzweifelt ob des liebgewonnenen, nun aber in der Optik beeinträchtigten oder beschädigten Bildes im Geschäft aufkreuzen, passiert dies oft hier. Lassen Sie ihren Kunden ruhig bei dem ersten Schritt der Restaurierung dabei bleiben. Das schafft Vertrauen, und ein interessierter Auftraggeber kann hier so manches über sein Objekt lernen.
Mit dem Stereomikroskop bewaffnet, sehen Kunde und restaurierender Einrahmer, wie es um den Zustand von Fassung oder Malschicht beschaffen ist. Unter dem Licht der UV-Lampe lassen sich Überzüge oder Retuschen von fremder Hand nachweisen. Wer gar eine Infrarotkamera besitzt, der kann womöglich bei dünnschichtiger, altmeisterlicher Malerei Vorzeichnungen finden, die bei strittigen Zuschreibungen oft helfen können.
Ein kostspieliges Röntgengerät wird der normale Einrahmer nicht sein eigen nennen können. Mit Röntgenaufnahmen, die über den Aufbau von Gemäldeträger und Malschicht oder die Konstruktion einer Skulptur Aufschluss geben, wird man an ein Museum oder auch schon einmal ein Krankenhaus beauftragen können. Dabei lassen sich manchmal unter der sichtbaren Oberfläche liegende verworfene Fassungen enthüllen Mit Materialanalysen, so denn eine Probenentnahme unbedingt notwendig sein sollte, sollten in das Metier eingearbeitete Institute beauftragt werden. Aufgrund naturwissenschaftlicher Analysemethoden sind schon manche beabsichtigten Maßnahmen geändert worden.
Manchmal ist der Transport des Kunstwerks zum restaurierenden Betriebs nicht möglich, weil die Fassung so wenig Haftung zum Untergrund hat, dass diese unterwegs verloren gehen würde. Dann muss der Restaurator zum Objekt kommen und eine Sicherung vornehmen.
Vor Ort erfolgen Transportsicherungen in der Regel durch Aufkleben von Japanpapieren mit warmem Hausenblasen- oder Störleim, natürlichen Fischleimen also, manchmal werden auch Cellulosen („Kleister“) verwendet. Man darf nicht vergessen, dass bestimmte Papiere und Leime spannungsreich auftrocknen und beim Ablösen Probleme bereiten. Manchmal ist es daher besser, ein Objekt liegend zu transportieren, als eine Sicherung vorzunehmen.
Manchmal muss, bevor ein Objekt näher begutachtet werden kann, bei losen Malschichten zuerst eine Festigung erfolgen, wobei keine Sicherungspapiere verwendet werden. Der Restaurator bringt dabei für das während der Alterung abgebaute Bindemittel neues Klebemittel in das Gefüge ein. In der Regel werden Aerosole aufgesprüht oder mit dem Pinsel der genannte Hausenblasen- oder Störleim auf die betroffenen Stellen aufgetragen, wenn nötig. unter Zuhilfenahme von Wärmequellen (Infrarot/Heizspachtel).
Natürlich machen diese Leime, welche derzeit „en vogue“ sind, bei Acrylmalschichten keinen Sinn. Manchmal helfen aber auch bei alten Meistern nur noch bestimmte Kunstharze. Freilich ist man heute von der früheren Empfehlung einer Chemie-Professorin, Malschichten mit Bindulan-Propellerleim zu festigen, abgerückt. Bei schollig aufstehender Malschicht muss die Leinwand erst gedehnt werden, bevor sie niedergelegt werden kann. Das Bügeleisen sollte dabei also im Schrank stehen bleiben!
Goldgründe und bestimmte Farben vertragen übrigens keine wässrigen Festigungen. Verzichten Sie daher auf Wachssicherungen ein – Sie wissen doch, wie schwer der Kerzenwachsfleck aus der Tischdecke geht!

Umgang mit Rissen

Leider werden noch heute Risse und Löcher von Gemäldeträgergeweben durch Aufkleben von Leinen- oder Baumwollflicken oder Gazegewebe oder auch durch die Doublierung des gesamten Trägergewebes „behoben“. Dies führt – auf Dauer gesehen – zu starken Beeinträchtigungen und Veränderungen des Gemäldegefüges. Hier ist dann am falschen Fleck gespart worden. Eine fachmännische Rissverschweißung ist auf den Bereich der Durchstoßung begrenzt und bezeichnet die Verwendung von Kunstharzklebemitteln, deren Wasseranteil am Ort ihres späteren Verbleibs mit einer temperierbaren Nadel verdunstet wird.
Nachdem das Planieren des Risses erfolgt ist, werden zerfaserte Fäden mit Methylzellulose neu verdrillt. Nach dem Ordnen und Fixieren der Fäden folgt der punktuelle Kleberauftrag mit (Insekten-)Nadeln auf die kurz darauf zu verschweißenden bzw. zu verklebenden Fäden. Eine überlappende Verschweißung der Fäden bewährt sich gegenüber einer Verschweißung auf Stoß. Die Rissverschweißung ist der Rissverklebung an Festigkeit überlegen und widersteht höheren Zugbelastungen. Falls mit Mischungen aus homopolymeren und kopolymeren Polyvinylacetat-Dispersionen (PVAC-Dispersionen) gearbeitet wird, ist der Gebrauch einer auf 80 bis 90°C eingestellten Nadel allgemein üblich. Dann wird die behandelte Stelle beschwert. Daran schließt sich meistens eine Überbrückung mit Leinwandfäden an, die mit demselben Klebemittel beschichtet sind. Bei wachsdoublierten Leinwandgemälden werden Exposidharze eingesetzt.
Die Rissverklebung unterscheidet sich von der Rissverschweißung durch den fehlenden, gezielten Einsatz von Wärme. Die Rissverklebung wird zumeist bei glatten Schnitten in Gemäldeleinwänden angewendet. Wie beschrieben kommen die ebenfalls für die Rissverschweißung verwendeten Klebematerialien zur Anwendung.
Fehlstellen in der Malschicht müssen vor der Retusche auf Umgebungsniveau gebracht werden. Kittungen sollten weicher als das Umfeld sein und mit Hilfe von Champagnerkreide in Hasenhautleim erfolgen. Die Kittmassen können eingefärbt sein und werden in warmem Zustand platziert. Falls ein pastoses Gemälde vorliegt, muss die Kittstelle strukturiert werden, d.h. dem Umfeld angepasst werden. Nach dem Trocknen und anschließenden Glätten der Kittstellen mit leicht feuchten Läppchen oder mikroporösen Schwämmchen sollten die Kittstellen wieder trocknen und dann lokal abgesperrt werden. Dies erfolgt mit Schelllack oder Dammarharz/Terpentinöllösungen.

Weniger ist oft mehr

Muss ein Kunstwerk gesäubert werden, ist zunächst einmal eine trockene Oberflächenreinigungen mit Fehhaarpinseln und nachfolgend – ab einem Mindestalter der Farbe von rund zehn Jahren – mit Latexpulver oder -schwämmen (z.B. akapad) die sicherste und vor allem schonendste Form. Wie man erst seit kurzem weiß, verursachen feuchte Reinigungen Schäden der Ölfarben im Mikrobereich. Erst wenn trockene Reinigungen nicht ausreichen, kann eine feuchte Reinigung erfolgen. Vorzugsweise sollten dabei aber nicht Wattestäbchen eingesetzt werden, da sie punktuell viel zu durchfeuchtend wirken, sondern besser mikroporöse Schwämme.
Hinter einer Reinigung mit Fettalkoholsulfonat verbirgt sich zumeist eine Reinigung mit dem dafür gänzlich ungeeigneten Zwischendurchwaschmittel „Rei in der Tube“, das unlängst noch von einem Professor diesbezüglich erwähnt wurde. Ein anderer propagierte kürzlich künstlichen Speichel, aber dieses „Salzwasser“ ist genauso wenig hierfür geeignet wie der menschliche Speichel auch. Freilich lässt sich mit den schicken Wattestäbchen manche Arbeitsstunde für den Restaurator aufschreiben.
Als besonders schonendes Reinigungsmittel hat sich bei nicht ausblutenden Farben der Einsatz von Zelluloseethern, vorzugsweise in nicht demineralisiertem Wasser in Kombination mit einem milden, wenig hygroskopischen, pH-neutralen, nicht vergilbenden, nichtionischen Tensid (z.B. Marlipal 1618/25 = Fettalkoholethoxylat, mit linearer Kettenlänge C16-C18) bewährt. Vor allem Nikotin- und Fettablagerungen bedingen eine Reinigung mit tensidhaltigen Zellulosepasten. Eine Nach