Handwerk

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Restaurierung einer Kommodenuhr
Neues Pracht für ein barockes Kleinod

Als Bilder- und Rahmenmacher haben sich Uschi Taglang und Jochen Funkenberg von der Essener Galerie 33 einen Namen weit über die Region hinaus gemacht. Kunsthandwerkliche Wertarbeit liefern sie ebenso bei der Restaurierung antiker Gegenstände. So verwandelten sie eine Tischuhr, an der deutlich der Zahn der Zeit genagt hatte, zurück in ein typisches Schmuckstück aus der Epoche des Barock.

Aufwendiges Mobiliar und üppige Accessoires waren früherer ein Privileg der Reichen. Manche dieser Schätze überlebten veränderte Einrichtungsstile, Unruhen und die Weltkriege und schmücken heute als Erbstücke die Wohnungen. So wie die Tischuhr, die im vergangenen Jahr ein Kunde in der Galerie 33 abgab. "Dass die Uhr kaputt gewesen wäre, ist falsch. Sie war - salopp gesprochen - altersbedingt einfach heruntergekommen", beschreibt Jochen Funkenberg den damaligen Zustand des antiken Einzelstückes.

Analyse und Identifikation
Im ersten Schritt wurde eine Analyse der Oberfläche und der Konstruktion vorgenommen, um ein strukturiertes Restaurieren zu ermöglichen. Die Uhr datierte aus der Zeit um 1720, als der Stil des Barock in Europa vorherrschte. Es handelte sich um eine Kommoden- oder Tischuhr aus Holz, genauer aus Eiche. Die erste Besonderheit der Eichenuhr bestand in ihrer Ganzheit. "Die Uhr war aus einem Stück geschnitzt. Über einem Löwenkopf thronte außerdem eine kleine Knabenfigur mit Girlande", so Funkenberg.
Die seit der Frührenaissance üblichen Kinderengel, im allgemeinen italienisch als Putti bezeichnet und im Deutschen Putten genannt, wurden im Barock häufig bei allegorischen Darstellungen verwendet. Sie haben ihr Vorbild in der antiken Gestalt des Liebesgottes Amor. Anders als die so genannten Heldenputti trug dieses Exemplar aber weder Pfeil und Bogen noch Köcher, sondern eine Girlande. Die Identifizierung als typisch französisch war ein kunsthistorischer Aspekt. Für die nun beginnende Arbeit war die zeitliche Klassifizierung wichtiger, weil alle ursprünglichen Werkstoffe zunächst identifiziert werden müssen, um für die restauratorischen Maßnahmen adäquate Mittel benutzen zu können.

Überraschung bei der Demontage
Jochen Funkenberg: "Der Zahn der Zeit hatte an dem Stück genagt. Die ursprüngliche Vergoldung war nur noch rudimentär erhalten, an vielen Stellen trat bereits das Poliment deutlich sichtbar hervor." Nach den Grundlagen der Symmetrie fehlten einige Profilteile, manche Teile waren beschädigt. Der Corpus war insgesamt leicht verschmutzt und wies einige Fehlstellen auf. Im ersten Schritt wurde das Gesamtstück in seine Kleinteile auseinandergebaut. Als erste Überraschung kam ein merkwürdiger blauer Hintergrund zum Vorschein. Mutmaßlich hatte sich vor den Profis aus der Galerie 33 schon mal ein anderer an der Aufarbeitung dieser Uhr versucht.
Nach dem Motto "Was locker blättert, muss sowieso abgenommen werden" wurden sämtliche Einzelteile fein säuberlich abgeschliffen, gebürstet und sandgestrahlt. Um eine wirklich saubere Oberfläche herstellen zu können - und das ist die Basis für eine darauf folgende haltbare und effektive Aufarbeitung - wurde mit einer Körnung von 1/500stel gearbeitet.
"Das wichtigste bei einer solchen Arbeit ist der Faktor Zeit", so der Fachmann, nicht nur beim vorsichtigen Auseinanderbau, Säubern und Schleifen. Vor allem bei den nun folgenden Arbeitsschritten mussten die einzelnen Werkstücke immer wieder zum Austrocknen und vor der Weiterbearbeitung ruhen. Um die beschädigten Holzteile neu aufbauen und ergänzen zu können, wurden zunächst Risse mit Knochenleim, einem Präparat wie vor 300 Jahren, gefestigt und anschließend die Fehlstellungen im Kreidegrund geschlossen. Funkenberg: "Dieser Kreidegrund wird mit Tierhaarpinseln aufgetragen und weil er weiß ist, wird er fälschlicherweise gerne Gips genannt." Zehn bis 14 Schichten brauchte es inklusive mehrfachen An- und Nachschleifens partiell, um eine weitestgehend homogene Oberfläche rekonstruieren zu können. "Anfangs mussten wir noch mal komplett neu entfetten, denn einzelne Stücke waren ursprünglich so gut eingeölt worden, dass die Grundierung immer wieder hochkam", erzählt er von den Tücken der komplizierten Arbeit.

Justierung der beweglichen Teile
Auch das, so der Experte, ist eben eine Besonderheit beim Restaurieren. So einem antiken Gegenstand läge eben keine Betriebsanleitung zur Handhabung bei. Das muss man durchs vorsichtige Tun selbst herausfinden. "Und dann sitzt du erst fluchend am Tisch, weil etwas nicht klappt, und freust dich, dass es doch gut weitergeht", sagt er.
Nachdem der Kreidegrund komplettiert war, wurde das Poliment aufgebracht, um einen Untergrund für die Vergoldung zu schaffen. Auch hier ergaben sich neue Herausforderungen, denn zunächst war die entwickelte Polimentierung zu dünn, weshalb sie in dickerer Zusammensetzung neu angefertigt werden musste. Insgesamt vier Anstriche bekamen die Knabenfigur nebst Girlande, ehe Jochen Funkenberg und Team zufrieden waren.
Zwischendurch wurden die Passgenauigkeit der diversen Türen und Fensterchen überprüft und neu ausgerichtet. Auch das waren wichtige Details, um die Uhr in ihren ursprünglichen, gebrauchsfähigen Zustand zu versetzen. Das Gangwerk selbst wurde einem Spezialisten für französische Barock-Uhren übergeben, dort generalüberholt und später eingesetzt.

Ansetzen des Goldspiegels
Zum Schluss folgte nach Absprache mit dem Kunden ein Anstrich aller hölzerner Uhrenteile in Ochsenblutrot, ehe der Weißgoldspiegel angesetzt wurde. Die besondere Finesse bestand hierbei natürlich wieder darin, alle hohen und tiefen Stellen, Rundungen und Applikationen gleichmäßig mit einer Goldschicht zu versehen. Dazu wurde das Blattgold auf dem entsprechenden Brettchen mit einem Vergoldermesser minimalistisch durchteilt und in filigraner Kleinarbeit an entsprechender Stelle des Werkstücks angebracht.
Der Wert einer solchen Antiquität lässt sich nicht allein nach dem Marktwert bemessen. Weil auch das Herz daran hängt, ist hier der Liebhaberwert ausschlaggebend. Die Restaurierung, die inklusive aller Arbeitsschritte rund sechs Monate dauerte, kostete 4500 Euro brutto.

vv

Kontakt
Galerie 33
Uschi Taglang und Jochen Funkenberg
Lindenallee 10
45127 Essen
Tel.: +49 201 24725-0
Fax: +49 201 24725-35
E-Mail: Kontakt@Galerie33.de
www.galerie33.de

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