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Originale und Repliken richtig zuordnen, Teil II

Die juristische Behandlung des Themas Fälschung verdient eine Differenzierung. Der Begriff der Fälschung ist nicht definiert und
daher zur juristischen Qualifizierung nicht geeignet, da er in Volksmund und Presse, ja sogar in rechtlichen Abhandlungen,
kaum mehr als eine Unwertsäußerung enthält. Hier geht es meist
um die Wertstellung solcher Objekte gegenüber einem existierenden oder vermuteten Original. Der Begriff wird daher vornehmlich von enttäuschten Besitzern, Erwerbern und Interessenten verwendet. Dasselbe gilt für den Gegenbegriff „echt“.

Deutlich wird die Wertbezogenheit der begrifflichen Antithese Original / Fälschung am Beispiel von Geldscheinen. Ein nachgemachter Geldschein ist für das Publikum nicht aus ästhetischen Gründen, sondern nur deswegen wertlos, weil sein Besitz keinen Anspruch vermittelt. Auch die strafrechtliche Verfolgung des Fälschens von Geldscheinen hat ihren Grund vornehmlich in der Sorge um die volkswirtschaftlich relevante Wertstellung der kontrollierten Menge der echten Geldscheine.
In der Welt der Kunst besagt der Begriff der Fälschung lediglich allgemein, dass ein Objekt nicht das ist, wofür es im Handel gehalten werden soll. Er bezeichnet einen Täuschungstatbestand, als dessen Schutzobjekt der Markt erscheint, nicht der Urheber.

Dieser populäre Fälschungsbegriff wird auf
vier verschiedene Tatbestände bezogen:

1.
Es handelt sich um ein Original, das von fremder Hand gewissen Veränderungen unterzogen wurde. Im Prinzip fallen alle alten Kunstwerke hierunter, die schon einmal von Restauratorenhand bearbeitet und dabei verfälscht wurden. Es handelt sich um spätere Verfälschungen wie Verputzungen der Farbschicht bei Firnisabnahmen, Schönungen (teilweise Übermalungen aufgrund epochal bedingter Geschmacksströmungen) und gefärbte Firnisse (Galerieton). Auch Pasticci (Anm. d. Redaktion: Nachahmungen) bedienen sich originaler Malerei bzw. wurden in jüngerer Zeit aus alten Fragmenten zusammengesetzt. Werkstattarbeiten (mehrerer Hände an einem Werk) wie z.B. aus dem Atelier van Dycks, die vielen Kopien der Herrscherbildnisse George III. aus der Werkstatt Allan Ramsays oder die vielen Versionen von Jordaens' „Bohnenfest“ fallen nicht hierunter.

2.
Es handelt sich um die Kopie eines Originals oder wesentlicher Teile davon.
Dabei muss das Kunstwerk nicht neu sein! So gibt es zum Beispiel neben entstehungszeitnahen Werkstattkopien auch spätere historische Kopien von barocken Gemälden aus dem 19. Jahrhundert (unter anderem haben sich Wilhelm Busch, Lovis Corinth, Max Liebermann, Franz von Lenbach und Max Slevogt mit niederländischer Malerei auseinandergesetzt).
Es gibt in dieser Zeit auch die einfühlende Kopie der Spätromantik, die mittelalterliches Formempfinden nachzuvollziehen gedenkt, aber ohne böswillige Absicht. Längst hat hier die einschlägige Forschung, etwa im Bereich der Skulptur, alte Irrtümer richtig gestellt, denn selbst Fachleute haben zum Beispiel um 1840 entstandene gotische Madonnenfiguren für Originale gehalten. Die „Leonardo-Büste“, die kein Geringerer als Wilhelm von Bode für die Staatlichen Museen in Berlin erwarb, ist sicher einer der berühmtesten Fälle für Echtheitsdebatten in großen Museen.

3.
Es handelt sich um das Originalwerk eines Dritten, das von ihm in der künstlerischen Manier eines anderen Künstlers ausgeführt wurde. Nur mit der Signatur des nachgeahmten Malers handelt es sich dann um eine Fälschung.
Als Beispiel mag hier noch einmal das Sonnenblumenbild von Schuffenecker nach van Gogh erwähnt werden, das über Christies nach Japan verkauft wurde.

4.
Es handelt sich um ein Originalwerk eines Dritten mit einer von diesem verwendeten Signatur eines anderen Künstlers (typisches Delikt). Dabei muss sich der Fälscher nicht an eine bestehende Vorlage halten.
Hierbei kann man Fälschung nicht mehr mit Kopie verwechseln, solche Fälschungen verdanken sich bekanntlich unlauteren Absichten bzw. niederen Beweggründen wie Habgier. Beispiel: Den Unrechtsgehalt des Sachverhalts im Nolde-Fall sah das Oberlandesgericht (OLG) Schleswig in der Signierung des Bildes mit dem Namen des im Stile nachgeahmten Malers, weil damit eine betrügerische Veräußerung zu erwarten war. Urheberrechtliche Rechtsfolgen wie Vernichtung, Kennzeichnung als Fälschung, versagte das OLG daher dem Fälscher. Das OLG Schleswig benutzte auch nicht den Begriff der Fälschung, weil es sich diesen wohl für den Fall vorbehalten wollte, dass nicht nur im Stil Noldes gemalt wurde, sondern ein Werk Noldes kopiert wurde.
Imitation ist keine Fälschung
Urheberrechtlicher Schutz bezieht sich nur auf das Werk, nicht auf einen Stil oder eine Manier. Die Nachahmung von Stilelementen oder Übernahme bloßer Motive ist für sich genommen keine Fälschung, mit darauf angebrachter Signatur des kopierten Malers aber schon. Insofern sind die 1951 geschaffenen gotischen Wandmalereien Malskats in der Lübecker Marienkirche so gesehen also keine Fälschungen, wohl aber Imitationen einer historischen Malerei, welche zuvor nicht vorhanden war, also auch nicht freigelegt werden konnten und fälschlicherweise als gotisch verkauft wurden. Dies alles wurde aber so glaubhaft dargestellt, dass Abbildungen der Fresken sogar den Weg auf eine Sondermarke der Deutschen Bundespost fanden.

Überschrittene Limitierung

Ein fünfter Tatbestand mit gleichem urheberrechtlichen Gewicht wird merkwürdigerweise nicht als Fälschung bezeichnet: die Überschreitung der vom Künstler bestimmten Limitierung der Exemplare der Reproduktionskunst (Grafik, Abgüsse). Durch die Limitierung bestimmt der Künstler, wie viele Exemplare er als Originale zulässt. Jedes nachträglich hergestellte Exemplar ist daher eine urheberrechtlich unerlaubte Vervielfältigung. Die Besonderheit dieser Fälschung besteht darin, dass die Kopie von der selben mechanischen Grundlage (Platte, Gussform) des Künstlers abgeleitet wurde wie die freigegebenen Originale. Das Unerlaubte liegt in der Verwendung der vom Künstler eigentlich gesperrten Urform. Die Missachtung des Künstlerwillens ist dieselbe wie bei den anderen Fälschungen.
Es muss bei einer Fälschung also unterschieden werden, ob das Unwerturteil das Werk selbst betrifft, oder ob die Fälschung nur die Signatur betrifft, dann hat sie nur persönlichkeitsrechtliche Relevanz.
Zum zweiten Fall würde auch die Variante gehören, dass eine vom Urheber unterlassene Signatur von fremder Hand nachgeholt wurde. Hier wird das Urheberpersönlichkeitsrecht verletzt, denn es unterliegt allein der Bestimmung des Urhebers, ob er signieren will oder nicht.

Juristische Bewertung der Tat

Das Hauptproblem der Verfolgung von Fälschungen liegt, wie zu Beginn erwähnt, nicht im Rechtlichen, sondern im Tatsächlichen. Erste Voraussetzung für die Prüfung eines verdächtigten Objekts ist dessen Greifbarkeit für Gericht und Sachverständige. Die Unsicherheit der vorläufigen Beurteilung eines Werkes als Nicht-Original dürfte die Gerichte in der Regel an der Beschlagnahme im Wege der einstweiligen Verfügung hindern.
Möglich ist aber die Vorlageklage und, zur Sicherung gegen Vereitelung durch Verkauf, ein einstweiliges Verfügungsverbot. Eine Beweisführung beschränkt sich, abgesehen vom seltenen Fall eines Geständnisses des Fälschers, auf die Häufung von Indizien, weil eine unmittelbare Zeugenschaft für den Fälschungsvorgang selten ist. Naturwissenschaftlich-technische Untersuchungen können der Altersbestimmung dienen, Bestrahlungen tragen ebenfalls zur Materialanalyse, aber auch zur Erkennung der verwendeten Herstellungstechniken bei. Diese Verfahren sind aber sehr teuer.
Hilfreich ist in jedem Fall die Beurteilung der Herstellungstechnik durch einen Sachverständigen oder durch einen Experten für das Werk des Original-Urhebers, der mit dessen Handschrift vertraut ist und Unsicherheiten und Missverständnisse des Fälschers bei seiner Übertragung erkennen kann. Gleichwohl verbleiben Unsicherheiten bei der Beurteilung, die von den Richtern viel Einfühlungsvermögen und Kombinationsgabe fordern.
Anders stellt sich allerdings die strafrechtliche Seite der Verfolgung dar. Hier gibt es in größeren Städten oft Spezialdezernate bei der Kriminalpolizei, die sich mit Engagement ihrer Aufgabe widmen. Eine Mitarbeit der Staatsanwaltschaft bleibt in der Regel aber unbefriedigend, weil es meist am Fachwissen und der Kenntnis der einschlägigen Untersuchungsmethoden fehlt. Liegt ein Betrug vor, so wird dieser zwar als gewohntes Metier behandelt. Der Betrogene sieht sich verstanden und geschützt. Auf der Strecke aber bleibt der Urheber mit seinen Rechten. Deren Verletzung scheint trotz einschlägiger Strafvorschriften offenbar als Kavaliersdelikt empfunden zu werden. Kommt es dennoch einmal wegen beider Tatbestände zur Anklage, so führt der Einfluss des Gerichts im Interesse der Vereinfachung des Verfahrens oft zur Einstellung der Verfolgung der Urheberrechtsverletzung. Dann verbleibt das Werk zumeist auf dem Markt und wird zu gegebener Zeit wieder für Verunsicherung sorgen.

Dr. Paul-Bernhard Eipper


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